„das ist ein ein'ges großes, mächt'ges Deutschland,
Zertrümmerung alles Pfaffenregiments,
Vollständ'ger Bruch mit allem röm'schen Wesen,
Die reine Lehr' als Deutschlands ein'ge Kirche,
Wiedergeburt, zeitmäßige der alten,
Der urgermanischen gemeinen Freiheit,
Vernichtung unsrer Fürstenzwergherrschaft
Und usurpierten Zwischenregiments,
Und machtvoll auf der Zeit gewaltigem Drang
Gestützt, in ihrer Seele Tiefen wurzelnd,
Ein — evangelisch Haupt als Kaiser an der Spitze
Des großen Reichs.”

Und Hutten antwortet: „Treu ist das Bild.”

Da Lassalle ausdrücklich den „Franz von Sickingen” als ein Tendenzdrama bezeichnet, so haben wir in ihm einen Beleg für die Wandlung, die sich in ihm in bezug auf seine — vorläufig ideale — Stellungnahme zu den politischen Strömungen der Zeit vollzogen. Es sollte indes gar nicht lange dauern, bis sich diese Wandlung, eine Annäherung an die Auffassungsweise der norddeutschen bürgerlichen Demokratie, auch gegenüber einer konkreten Frage des Tages offenbaren sollte[3].


Der „Franz von Sickingen” war im Winter 1857/58 vollendet worden. Lassalle hatte ihn, wie er an Marx schreibt, bereits entworfen und begonnen, während er noch am Heraklit arbeitete. Es sei ihm ein Bedürfnis gewesen, sich zeitweilig aus der abstrakten Gedankenwelt, in die er sich bei jener Arbeit „einspintisieren” mußte, mit einem Gegenstand zu beschäftigen, der in direkterer Beziehung zu den großen Kämpfen der Menschheit stand. Daher habe er nebenbei Mittelalter und Reformationszeit studiert und sich an den Werken und dem Leben Ulrich von Huttens „berauscht”, als ihn die Lektüre eines gerade erschienenen elenden „modernen” Dramas auf den Gedanken brachte: Das — der Kampf Huttens — wäre ein Stoff, der Behandlung wert. So habe er ohne ursprünglich an sich als ausführenden Dichter zu denken, den Plan des Dramas entworfen, wurde sich aber alsbald klar, daß er es auch selbst fertig machen müsse. Es sei „wie eine Eingebung” über ihn gekommen. Man spürt es dem Drama auch an, daß es mit warmem Herzblut geschrieben wurde. Trotz der oben bezeichneten Fehler erhebt es sich, dank seines geistigen Gehalts, immer noch himmelhoch über die ganze Dramenliteratur jener Zeit. Es hätte es keiner der deutschen Dichter damals besser gemacht als Lassalle.


[Ferdinand Lassalle und der italienische Krieg.]

Anfang 1859 erschien der „Franz von Sickingen” als Buchdrama. Gerade als er herauskam, stand Europa am Vorabend eines Krieges, der auf die Entwicklung der Dinge in Deutschland eine große Rückwirkung ausüben sollte. Es war der bereits im Sommer 1858 zwischen Louis Napoleon und Cavour in Plombières verabredete französisch-sardinische Feldzug behufs Losreißung der Lombardei von Österreich und der Beseitigung der österreichischen Oberherrschaft in Mittelitalien.

Österreich gehörte damals zum deutschen Bund, und so erhob sich natürlich die Frage, welche Haltung die übrigen Bundesstaaten in diesem Streit einnehmen sollten. Sei es Pflicht des übrigen Deutschland, sich gegenüber Frankreich mit Österreich zu identifizieren oder nicht?