Soweit Lassalle. Ein Mißverständnis ist hier gar nicht mehr möglich. Die „Idee”, welche Lassalle bei dem „mehr oder weniger” unterstellt, ist die kommunistische, die das gesamte Arbeitsprodukt der Gesellschaft und nicht den individuellen Arbeitsertrag des einzelnen oder der Gruppe ins Auge faßt, und Lassalle war sich durchaus dessen bewußt, daß, solange der letztere den Verteilungsmaßstab bildet, ein Bruchteil der Bevölkerung mehr, der andere aber notwendigerweise weniger erhalten werde als ihm auf Grund des von ihm verrichteten Anteils an der gesellschaftlichen Gesamtarbeit, bei gerechter Verteilung, zukommen sollte, d. h. daß die Assoziationen zunächst eine neue Ungleichheit schaffen würden. Gerade mit Rücksicht darauf habe er, so behauptet Lassalle immer wieder, bei Entwicklung seines Vorschlages das Wort „Lösung der sozialen Frage” sorgfältig vermieden — „nicht aus praktischer Furchtsamkeit und Leisetreterei, sondern aus jenen theoretischen Gründen”.
Im weiteren Verlauf des Briefes entwickelt Lassalle, daß die Ungleichheit bei den ländlichen Assoziationen durch eine differenzierende Grundsteuer leicht beseitigt werden könne, welche „die ganze Grundrente abolieren, d. h. in die Hände des Staats bringen, den Arbeitern nur den wirklich gleichmäßigen Arbeitsertrag lassen” soll — die Grundrente im Sinne Ricardos genommen[27]. Die Grundsteuer würde die Bezahlung bilden für die Überlassung der Bodenfläche an die assoziierten Arbeiter und — wie es bei Lassalle heißt — „schon aus Gerechtigkeit und Neid” von den ländlichen Assoziationen „leidenschaftlich begünstigt werden”. Der Staat aber hätte an dieser Grundrente die Mittel, Schulunterricht, Wissenschaft, Kunst, öffentliche Ausgaben aller Art zu bestreiten. Bei den industriellen Assoziationen solle sich die Ausgleichung dagegen dadurch vollziehen, daß sobald die Assoziationen jeder einzelnen Branche sich zu je einer großen Assoziation zusammengezogen haben, der private Zwischenhandel aufhören und der Verkauf in vom Staat angelegten Verkaufshallen besorgt werden würde. „Würde hiermit nicht zugleich getötet werden, was man heut Überproduktion und Handelskrise nennt?”
Der Gedanke der Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der Grundrente[28] ist ein durchaus rationeller, d. h. er enthält keinen Widerspruch in sich. Es ist auch sogar meines Erachtens sehr wahrscheinlich, daß er auf einer gewissen Stufe der Entwicklung irgendwie verwirklicht werden wird. Die Idee der Zusammenziehung der Assoziationen ist dagegen nur ein frommer Wunsch, der in Erfüllung gehen kann, aber nicht notwendigerweise in Erfüllung zu gehen braucht, solange die Teilnahme ins Belieben der einzelnen Assoziationen gestellt wird. Und selbst wenn sie in Erfüllung ginge, würde damit noch durchaus nicht schlechthin verhindert sein, daß die Mitglieder der einzelnen Assoziation nicht in ihrem Anteil an deren Ertrage eine größere oder unter Umständen geringere Quote des gesellschaftlichen Gesamtprodukts erhalten, als ihnen auf Grund der geleisteten Arbeitsmenge zukäme. Es stände immer wieder Assoziationsinteresse gegen Gesamtinteresse.
Hören wir noch einmal Rodbertus.
Im Brief an Rudolph Meyer vom 16. August 1872 nimmt er auf einen Artikel des „Neuen Sozialdemokrat” Bezug, wo ausgeführt war, daß Lassalle der „weitgehendsten Richtung des Sozialismus” angehört habe, und meint, das sei wohl richtig, es sei
„aber auch ebenso richtig, daß Lassalle und der (Neue) ‚Sozialdemokrat’ ursprünglich eine Produktivassoziation angestrebt haben, wie Schulze-Delitzsch sie wollte, nämlich in welcher der Kapitalgewinn den Arbeitern selbst gehören sollte, nur daß Schulze-Delitzsch wollte, sie sollten sich das Kapital selbst dazu sparen, und Lassalle wollte, der Staat, auch der heutige, sollte es ihnen liefern (ob leihen oder schenken, ist wohl nicht ganz klar). Aber eine Produktivassoziation, die den Kapitalgewinn einsackt, setzt ja das Kapitaleigentum, das ‚Gehören’ voraus. Wie soll also jene ‚weitgehendste Richtung’ mit einer solchen Assoziation vermittelt werden können?”
Rodbertus geht nun auf die Frage ein, ob die Produktivassoziation als „provisorische Institution” gedacht werden könne, und fährt nach einigen allgemeinen Bemerkungen fort: „Genug, die Produktivassoziation, die Lassalle und der ‚Sozialdemokrat’ in der Tat angestrebt, kann auch nicht einmal als Übergangszustand zu jenem ‚weitgehendsten’ Ziele dienen, denn, der menschlichen Natur gemäß, würde er nicht zu allgemeiner Brüderlichkeit, sondern zu dem schärfsten Korporationseigentum zurückführen, in welchem nur die Personen der Besitzenden gewechselt hätten, und das sich tausendmal verhaßter machen würde, als das heutige individuale Eigentum. Der Durchgang von diesem zu dem allgemeinen Staatseigentum kann eben niemals das Korporations- oder auch Kollektiveigentum sein (es kommt ziemlich über eins heraus); weit eher ist gerade das individuale Eigentum der Übergang vom Korporationseigentum zum Staatseigentum. Und hierin liegt die Konfusion der Sozialdemokraten (und lag die Lassalles), nämlich bei jenem weitgehendsten Ziel (das auch bei Lassalle noch kein praktisches Interesse erregen sollte) doch die Produktivassoziation mit Kapitalgewinn und also auch Kapitaleigentum zu verlangen. Niemals sind also die Pferde mehr hinter den Wagen gespannt worden, als von den Berliner Sozialdemokraten (und ihrem Führer Lassalle, insofern er ebenfalls jenes ‚weitgehendste’ Ziel anstrebte) und das weiß Marx sehr gut.” (Briefe usw. von Rodbertus-Jagetzow.)
Ich habe Rodbertus so ausführlich sprechen lassen, weil er Lassalle vielleicht am objektivsten gegenüberstand und in seiner Auffassung vom Staat usw. sehr viel Berührungspunkte mit Lassalle hatte, auch wohl niemand so eingehend mit Lassalle über die Produktivgenossenschaften diskutiert hat, wie er. Ganz unbefangen ist sein Urteil freilich auch nicht, da er bekanntlich seine eigene Theorie von der „Lösung der sozialen Frage” hatte, nämlich den Normalwerksarbeitstag und den verhältnismäßigen Arbeitslohn. Aber den schwachen Punkt in der Lassalleschen Assoziation hat er in der Hauptsache richtig bezeichnet, wenn er sagt, daß diese die Pferde hinter den Wagen spannt. Lassalle wollte die Vergesellschaftung der Produktion und der Produktionsmittel, und weil er es für unzeitgemäß hielt, das dem „Mob” — worunter er den ganzen Troß der Gedankenlosen aller Parteien verstand — bereits zu sagen, den Gedanken selbst aber in die Massen schleudern wollte, stellte er das ihm ungefährlicher scheinende Postulat der Produktivgenossenschaft mit Staatskredit auf.
Er beging damit denselben Fehler, den er in seinem Aufsatz über Franz von Sickingen als die tragische Schuld Sickingens hingestellt hatte, er „listete” mit der „Idee”, wie es in jenem Aufsatz heißt, und täuschte die Freunde mehr, als die Feinde. Aber er tat es, wie Sickingen, im guten Glauben. Wenn Lassalle wiederholt gegenüber Rodbertus erklärt hat, er sei bereit, auf die Assoziationen zu verzichten, sobald jener ihm ein ebenso leichtes und wirksames Mittel zum gleichen Zweck zeige, so darf man daraus nicht den Schluß ziehen, daß Lassalle nicht von der Güte seines Mittels durchaus überzeugt war. Solche Erklärungen pflegt jeder abzugeben, und kann sie um so eher abgeben, je mehr er seiner Sache sicher zu sein glaubt. Und wie sehr dies bei Lassalle der Fall, zeigt seine letzte Äußerung in bezug auf die Assoziationen Rodbertus gegenüber: „Kurz, ich begreife nicht, wie man nicht sehen könnte, daß die Assoziation, vom Staat ausgehend, der organische Entwicklungskeim ist, der zu allem weiteren führt.” — Er ist also unbedingt von dem Vorwurf freizusprechen, mit dieser Forderung den Arbeitern etwas empfohlen zu haben, von dessen Richtigkeit er nicht durchdrungen war, ein Vorwurf, der viel schwerwiegender wäre, als der eines theoretischen Irrtums.
Lassalle glaubte, daß in dem Mittel der Assoziationen mit Staatskredit der Zweck, dem diese dienen sollten, nämlich die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft, in seinen wesentlichen Grundzügen bereits enthalten, daß hier in der Tat — worauf er so großes Gewicht legte — „das Mittel von der eignen Natur des Zweckes ganz und gar durchdrungen” sei. Nun ist ja auch tatsächlich die Assoziation im kleinen ein Stück Verwirklichung des sozialistischen Prinzips der Gemeinschaftlichkeit, und die Forderung der Staatshilfe eine Anwendung des Gedankens, die Staatsmaschinerie als Mittel der ökonomischen Befreiung der Arbeiterklasse in Anspruch zu nehmen, sowie zugleich ein Mittel, den Zusammenhang mit dem großen Ganzen, der bei der Schulzeschen Assoziation verlorenging, möglichst zu bewahren. Bis soweit kann man Lassalle nicht nur keinen Vorwurf machen, sondern muß vielmehr die Einheitlichkeit des Gedankens bei ihm im höchsten Grade anerkennen. Wir haben gesehen, welche Auffassung er vom Staat hatte, wie dieser für ihn nicht der jeweilige politische Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Zustände war, sondern die Verwirklichung eines ethischen Begriffs, der durch jeweilige historische Einflüsse zwar beeinträchtigt, dessen ewige „wahre Natur” aber nicht aufgehoben werden kann. Bei solcher Auffassung ist es aber nur folgerichtig, in der Forderung der Staatshilfe mehr als eine bloße praktische Maßregel zu erblicken und ihr, wie Lassalle dies getan, als einem fundamentalen Prinzip des Sozialismus, eine selbständige prinzipielle Bedeutung zuzuschreiben[29]. Und ebenso steht die Forderung der Produktivgenossenschaften in engster Ideenverbindung mit Lassalles Theorie des ehernen Lohngesetzes. Sie fußt auf denselben ökonomischen Voraussetzungen. Kurz, es ist hier alles, möchte ich sagen, aus einem Guß.