Kein Zweifel, es sollten mit dieser Rede, soweit die Arbeiter in Betracht kamen, diese nur durch möglichst glänzende Ausmalung der bisher erzielten Erfolge zur höchsten, begeisterten Tätigkeit für den Verein hingerissen werden. Aber die Rede ist noch an eine andere Adresse als die der Arbeiter gerichtet. In seiner Erwiderung auf eine in der „Kreuzzeitung” erschienene Rezension des „Bastiat-Schulze”, die nach Lassalle „von zu beachtenswerter Seite” kam, als daß die in ihr an Lassalle gerichteten Fragen hätten unbeantwortet bleiben dürfen, verweist Lassalle den Herrn Rezensenten des Regierungsblattes ausdrücklich auf die Ronsdorfer Rede und läßt die Erwiderung und zwei Exemplare der Rede unter Kuvert „persönlich” an Bismarck senden. Beide, Rezension und Rede, sind berechnet, auf die Regierung Eindruck zu machen — ad usum delphini geschrieben. Der „unbeschreibliche Jubel” sollte Köder für Bismarck und den König sein. Aber niemand kann zwei Herren dienen, und das Bestreben, die Rede so zu gestalten, daß sie den gewünschten Effekt nach oben mache, bewirkte, daß sie tatsächlich einen durch und durch cäsaristischen Charakter erhielt. Sie ist ein doppeltes Pronunziamento des Cäsarismus: Cäsarismus in den Reihen der Partei, und Cäsarismus in der Politik der Partei.

„Ja, es gibt nichts Organisations- und Zeugungsunfähigeres, nichts Unintelligenteres,” heißt es in der Einsendung an die „Kreuzzeitung”, „als der unruhige, nörgelnde liberale Individualismus, diese große Krankheit unserer Zeit! Aber dieser unruhige, nörgelnde Individualismus ist keineswegs Massenkrankheit, sondern wurzelt notwendig und naturgemäß nur in den Viertels- und Achtels-Intelligenzen der Bourgeoisie.

Der Grund ist klar: Der Geist der Massen ist, ihrer Massenlage angemessen, immer auf objektive, auf sachliche Zwecke gerichtet. Die Stimmen unruhiger, persönlichkeitssüchtiger Einzelner würden hier in diesem Stimmenakkord verklingen, ohne nur gehört zu werden. Der oligarchische Boden allein ist der homogene, mütterliche Boden für den negativen, ätzenden Individualismus unserer liberalen Bourgeoisie und ihre subjektive, eigenwillige Persönlichkeitssucht.”

Ähnlich hatte es in der Ronsdorfer Rede geheißen:

„Noch ein anderes höchst merkwürdiges Element unseres Erfolges habe ich zu erwähnen. Es ist dieser geschlossene Geist strengster Einheit und Disziplin, welcher in unserem Vereine herrscht! Auch in dieser Hinsicht, und in dieser Hinsicht vor allem, steht unser Verein epochemachend, und als eine ganz neue Erscheinung in der Geschichte, da! Dieser große Verein, sich erstreckend über fast alle deutschen Länder, regt sich und bewegt sich mit der geschlossenen Einheit eines Individuums! In den wenigsten Gemeinden bin ich persönlich bekannt oder jemals persönlich gewesen, und dennoch habe ich vom Rhein bis zur Nordsee, und von der Elbe bis zur Donau noch niemals ein ‚Nein’ gehört, und gleichwohl ist die Autorität, die ihr mir anvertraut habt, eine durchaus auf eurer fortgesetzten höchsten Freiwilligkeit beruhende!... Wohin ich gekommen bin, überall habe ich von den Arbeitern Worte gehört, die sich in den Satz zusammenfassen: Wir müssen unserer aller Willen in einen einzigen Hammer zusammenschmieden und diesen Hammer in die Hände eines Mannes legen, zu dessen Intelligenz, Charakter und guten Willen wir das nötige Zutrauen haben, damit er aufschlagen könne mit dem Hammer!

Die beiden Gegensätze, die unsere Staatsmänner bisher für unvereinbar betrachteten, deren Vereinigung sie für den Stein der Weisen hielten, Freiheit und Autorität, — die höchsten Gegensätze, sie sind auf das innigste vereinigt in unserem Verein, welcher so nur das Vorbild im kleinen unserer nächsten Gesellschaftsform im großen darstellt. Nicht eine Spur ist in uns von jenem nörgelnden Geiste des Liberalismus, von jener Krankheit des individuellen Meinens und Besserwissen-Wollens, von welchem der Körper unserer Bourgeoisie durchfressen ist ...”

Es liegt diesen Sätzen formell ein richtiger Gedanke zugrunde, der nämlich, daß in der modernen Gesellschaft die Arbeiter unter normalen Verhältnissen viel mehr als irgendeine andere Gesellschaftsklasse auf die gemeinsame Aktion angewiesen sind, und daß in der Tat schon die Existenzbedingungen des modernen industriellen Proletariers den Geist der Gemeinschaftlichkeit in ihm entwickeln, während umgekehrt der Bourgeois nur unter anormalen Verhältnissen, nicht aber durch die bloße Art seiner gesellschaftlichen Existenz, zur gemeinschaftlichen Aktion sich veranlaßt sieht. Dieser richtige Gedanke empfängt aber durch die obige Verallgemeinerung eine total falsche Deutung. Die Massenaktion heißt noch lange nicht die persönliche Diktatur; wo die Masse ihren Willen aus der Hand gibt, ist sie vielmehr bereits auf dem Wege, aus einem revolutionären ein reaktionärer Faktor zu werden. Die persönliche Diktatur ist in den Kämpfen der modernen Gesellschaft jedesmal der Rettungsanker der in ihrer Existenz sich bedroht sehenden reaktionären Klassen gewesen, niemand ist mehr geneigt, den „negativen, ätzenden Individualismus” aufzugeben, als der moderne Bourgeois, sobald sein Geldsack, sein Klassenprivilegium, ernsthaft gefährdet erscheint. In solchen Momenten wird das Schlagwort von der „einen reaktionären Masse” zur Wahrheit und blüht, sobald die Strömung sich verallgemeinert, der Bonapartismus. Die zur Selbstregierung sich unfähig fühlenden Klassen tun das, was Lassalle oben den Arbeitern unterstellt: sie treten ihren Willen an eine einzelne Persönlichkeit ab und verdammen jeden Versuch, etwaigen Sonderinteressen dieser Persönlichkeit entgegenzutreten, als „unruhigen, nörgelnden Individualismus”. So beschuldigte die deutsche Bourgeoisie in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts immer wieder gerade die Partei, die tatsächlich am konsequentesten deren Klassenforderungen vertritt — die deutschfreisinnige Partei — des Verrats an ihren Interessen, weil sie durch ihre „Nörgelei” die staatserhaltende Tätigkeit der Regierung beeinträchtige, und so griff im Jahre 1851 die französische Bourgeoisie ihre eigenen parlamentarischen Vertreter jedesmal, wenn diese daran gingen, dem Louis Bonaparte die Mittel zum Staatsstreich zu verweigern, solange als Unruhestifter, Anarchisten usw. an, bis Napoleon stark genug war, sich zum Diktator der Bourgeoisie aufzuwerfen, statt sich mit der Rolle des bloßen Hüters der Ruhe und Ordnung für die Bourgeoisie zu begnügen.

Eine aufsteigende, revolutionäre Klasse hat absolut keinen Anlaß, ihren Willen aus der Hand zu geben, auf das Recht der Kritik, auf das „Besserwissen-Wollen” ihren Führern gegenüber zu verzichten. Und wir haben bei der Solinger Affäre gesehen, daß, wie sehr auch Lassalle den Arbeitern gegenüber auf seine höhere Intelligenz pochte, er gerade aus den Reihen der Arbeiter heraus ein sehr deutliches und kräftiges „Nein” hatte hören müssen, und sicherlich nicht zum Schaden der Bewegung. Auch in Berlin hatte er bei einem bestimmten Anlaß ein ebensolches „Nein” gehört — er sprach, wenn er sich rühmte, in dem von ihm geleiteten Verein „Autorität und Freiheit” in der oben geschilderten Weise verwirklicht zu haben, mehr einen Wunsch, als eine bereits verwirklichte Tatsache aus.

Zur Ehre Lassalles muß gesagt werden, daß er von Anfang an die persönliche Spitze für unerläßlich gehalten hatte. Zu diesem bloßen Glauben kam nun jedoch das wirkliche Bedürfnis hinzu. Die Politik, die er jetzt eingeschlagen hatte, war nur durchzuführen, wenn die Mitglieder und Anhänger der Bewegung kritiklos dem Führer folgten und ohne Murren taten, was er von ihnen verlangte. Wie Lassalle selbst das Versprechen des Königs von Preußen gegenüber den schlesischen Webern in einer Weise behandelte, daß nur noch ein kleiner, ganz beiläufiger Vorbehalt den Demokraten — man möchte sagen, vor seinem Gewissen — salvierte, das übrige aber auf den reinen Cäsarismus hinauslief, so mußten auch sie bereit sein, auf Kommando das Loyalitätsmäntelchen umzuhängen. Wenn eines die Ronsdorfer Rede wenigstens menschlich zu entschuldigen vermag, so ist es die Tatsache, daß sie für Lassalle unter den gegebenen Verhältnissen eine Notwendigkeit war. Er brauchte die Diktatur, um die Arbeiter je nach Bedürfnis für seine jeweiligen Zwecke zur Verfügung zu haben, und er brauchte die Bestätigung der Diktatur, um nach oben hin als eine bündnisfähige Macht zu erscheinen. Die Rede war der notwendige Schritt auf der einmal betretenen Bahn — ein Halt war da nicht mehr möglich.