Zunächst behielt er seinen Wohnsitz in Düsseldorf bei und arbeitete hier an seinem „Heraklit” weiter. Daneben unternahm er allerhand Reisen, u. a. auch eine in den Orient. Auf die Dauer aber konnten ihn diese Unterbrechungen nicht mit dem Aufenthalt in der Provinzialstadt, in der das politische Leben erloschen war, aussöhnen. Es verlangte ihn nach einem freieren, anregenderen Leben, als es die rheinische Stadt bot oder erlaubte, nach dem Umgang mit bedeutenden Persönlichkeiten, nach einem größeren Wirkungskreis. So erwirkt er sich denn 1857 durch die Vermittlung Alexander von Humboldts beim Prinzen von Preußen von der Berliner Polizei die Erlaubnis, seinen Wohnsitz in Berlin nehmen zu dürfen.
Dieses Gesuch wie die erteilte Erlaubnis verdienen Beachtung. Lassalle hatte im Mai 1849 in flammenden Worten die „schmachvolle und unerträgliche Gewaltherrschaft” gebrandmarkt, die „über Preußen hereingebrochen”; er hatte ausgerufen: „Warum zu soviel Gewalt noch soviel Heuchelei? Doch das ist preußisch” und „vergessen wir nichts, nie, niemals... Bewahren wir sie auf, diese Erinnerungen, sorgfältig auf, wie die Gebeine gemordeter Eltern, deren einziges Erbe ist der Racheschwur, der sich an diese Knochen knüpft.” (Assisenrede.) Wie kam er nun dazu, ein solches Gesuch zu stellen, und es dem guten Willen der Regierung, die in der angegebenen Weise angegriffen worden war, anheim zu stellen, es zu bewilligen? Er konnte in politischen Dingen sehr rigoros sein und hat es 1860 in einem Brief an Marx scharf verurteilt, daß Wilhelm Liebknecht für die großdeutsch-konservative „Augsburger Allgemeine Zeitung” schrieb. Aber er hielt es im Hinblick auf die wissenschaftlichen Arbeiten, die ihn beschäftigten, für sein gutes Recht, die Aufenthaltsbewilligung zu verlangen, und im Bewußtsein der Festigkeit seines politischen Wollens für reine Formsache, daß er seine betreffenden Eingaben als Gesuche abzufassen hatte. Denn es handelt sich da um verschiedene Anträge, der erste 1855 an den Berliner Polizeigewaltigen Hinckeldey, der zweite, im Juni 1856, direkt an den damaligen Prinzregenten gerichtet (Vgl. darüber „Dokumente des Sozialismus”, Jahrgang 1903, S. 130 und 407 ff.) Aus diesen Schritten machte er Karl Marx gegenüber kein Geheimnis.
Es ist zudem nicht unmöglich, daß Lassalle durch Verbindungen der Gräfin Hatzfeldt, die ziemlich weit reichten, davon unterrichtet war, daß sich in den oberen Regionen Preußens ein neuer Wind vorbereite. Wie weit diese Verbindungen reichten, geht aus Informationen hervor, die Lassalle bereits im Jahre 1854, beim Ausbruch des Krimkrieges, an Marx nach London gelangen ließ. So teilt er Marx unterm 10. Februar 1854 den Wortlaut einer Erklärung mit, die einige Tage vorher vom Berliner Kabinett nach Paris und London abgegangen sei, schildert die Zustände im Berliner Kabinett — der König und fast alle Minister für Rußland, nur Manteuffel und der Prinz von Preußen für England — und die für gewisse Eventualitäten vom Kabinett beschlossenen Maßregeln, worauf es heißt: „Alle die hier mitgeteilten Nachrichten kannst Du so betrachten, als wenn Du sie aus Manteuffels und Aberdeens eigenem Munde hättest!” Vier Wochen später machte er wieder allerhand Mitteilungen über beabsichtigte Schritte des Kabinetts, gestützt auf Mitteilungen „zwar nicht aus meiner ‚offiziellen’, aber doch aus ziemlich glaubhafter Quelle”. Am 20. Mai 1854 klagt er, daß seine „diplomatische Quelle” eine weite Reise angetreten habe. „Eine so vorzügliche Quelle, durch die man kabinettsmäßig informiert war, zu haben und dann auf so lange Zeit wieder verlieren, ist überaus ärgerlich.” Aber er hat immer noch Nebenquellen, die ihn über Interna des Berliner Kabinetts unterrichten, und ist u. a. „zeitig vorher von Bonins Entlassung usw.” benachrichtigt worden.
Einige dieser Quellen standen dem Berliner Hof sehr nahe, und ihre Berichte mögen auch Lassalles Schritt veranlaßt haben. Die geistige Zerrüttung Friedrich Wilhelm IV. war um das Jahr 1857 bereits sehr weit vorgeschritten, und wenn auch die getreuen Minister und Hüter der monarchischen Idee sie noch nicht für genügend erachteten, des Königs Regierungsunfähigkeit auszusprechen, so wußte man doch in allen unterrichteten Kreisen, daß der Regierungsantritt des Prinzen von Preußen nur noch eine Frage von Monaten sei.
In Berlin vollendete Lassalle zunächst den Heraklit, der Ende 1857 im Verlage von Franz Duncker erschien.
Über dieses beinahe mehr noch philologische als philosophische Werk gehen die Meinungen der Sachverständigen auseinander. Die einen stellen es als epochemachend hin, die andern behaupten, daß es in der Hauptsache nichts sage, was nicht schon bei Hegel zu finden sei. Richtig ist, daß Lassalle hier fast durchgängig auf althegelschem Standpunkt steht — die Dinge werden aus den Begriffen entwickelt, die Kategorien des Gedankens als ewige metaphysische Wesenheiten behandelt, deren Bewegung die Geschichte erzeugt. Aber auch diejenigen, welche die epochemachende Bedeutung der Lassalleschen Arbeit bestreiten, geben zu, daß sie eine sehr tüchtige Leistung ist. Sie verschaffte Lassalle in der wissenschaftlichen Welt einen geachteten Namen.
Für die Charakteristik Lassalles und seines geistigen Entwicklungsganges ist sein Werk über Herakleitos den Dunklen von Ephesos aber nicht bloß darin von Bedeutung, daß es Lassalle als eben entschiedenen Anhänger Hegels zeigt. Man kann auch dem bekannten dänischen Literarhistoriker G. Brandes zustimmen, wenn er in seiner oft zugunsten belletristischer Ausschmückung mit den Tatsachen ziemlich frei umspringenden Studie über Lassalle[2] auf verschiedene Stellen in der Arbeit über Heraklit als Schlüssel zum Verständnis von Lassalles Lebensanschauungen hinweist. Es gilt dies namentlich von Lassalles großem Kultus des Staatsgedankens — auch in dieser Hinsicht war Lassalle Althegelianer — und in bezug auf Lassalles Auffassung von Ehre und Ruhm. Brandes schreibt in ersterer Hinsicht:
„Heraklits Ethik, sagt Lassalle, faßt sich in den einen Gedanken zusammen, der zugleich der ewige Grundbegriff des Sittlichen selbst ist: ‚Hingabe an das Allgemeine.’ Das ist zugleich griechisch und modern; aber Lassalle kann sich das Vergnügen nicht versagen, in der speziellen Ausführung dieses Gedankens bei dem alten Griechen die Übereinstimmung mit Hegels Staatsphilosophie nachzuweisen: ‚Wie in der Hegelschen Philosophie die Gesetze gleichfalls aufgefaßt werden als die Realisation des allgemeinen substantiellen Willens, ohne daß bei dieser Bestimmung im geringsten an den formellen Willen der Subjekte und deren Zählung gedacht wird, so ist auch das Allgemeine Heraklits gleich sehr von der Kategorie der empirischen Allheit entfernt.’” (Vgl. a. a. O. S. 40.)
Brandes hat nicht Unrecht, wenn er zwischen dieser Staatsidee, die bei Lassalle immer wiederkehrt, und Lassalles Bekennerschaft zur Demokratie und zum allgemeinen Stimmrecht — die doch die Herrschaft des „formellen Willens der Subjekte” darstellen — einen Gegensatz erblickt, den man „nicht ungestraft in seinem Gemüte hegt”, und der in der Welt der Prinzipien das Gegenstück zu dem Kontrast darstelle, der „rein äußerlich zutage trat, wenn Lassalle mit seiner ausgesucht eleganten Kleidung, seiner ausgesucht feinen Wäsche und seinen Lackstiefeln in und zu einem Kreise von Fabrikarbeitern mit rußiger Haut und schwieligen Händen sprach”.
Das ist belletristisch ausgedrückt. Tatsächlich hat Lassalles althegelsche Staatsidee ihn später im Kampf gegen den Liberalismus weit über das Ziel hinausschießen lassen.