Wichtiger ist die 4. große Familie Labiatae, die typischen Lippenblütler, die durch vierkantigen Stengel, dekussierte Blattstellung und aromatische Drüsenhaare schon in ihren vegetativen Organen scharf hervortreten. Die in achselständigen Dichasien oder Doppelwickeln vereinigten Blüten sind stets dorsiventral gebaut; sie bestehen aus verwachsenem Kelch, zweilippiger Krone, deren Oberlippe zwei, die Unterlippe drei Zipfel besitzt. Ihre vier Staubblätter sind ungleich lang. Salvia, der Salbei und Rosmarinus haben deren nur zwei. Der Fruchtknoten ([Fig. 759]) entspricht genau demjenigen der Borraginaceen; in seinem Grunde liegt ein ringförmiges Nectarium.
Ein großer Teil unserer Flora besteht aus Lippenblütlern. Lamium, die Taubnessel, Stachys, der Ziest, Galeopsis ([Fig. 760]) mit helmförmiger, Ajuga mit sehr kurzer, Teucrium mit tiefgespaltener Oberlippe zeigen einige Formverschiedenheiten. Bei Glechoma und Nepeta sind die hinteren Staubblätter die längeren, umgekehrt wie bei den übrigen Labiaten. Bei Salvia, dem Salbei, sind die beiden allein vorhandenen Staubblätter für Bestäubungszwecke eigenartig gebaut (vgl. [S. 481], [Fig. 540]). Ihrer aromatischen Eigenschaften wegen sind zahlreiche Lippenblütler für offizinelle Zwecke herbeigezogen. Einen besonders reichen Beitrag dafür stellen auch die trockenen Gesträuche der Mittelmeerländer, die Macchien. So liefern Lavandula vera ([Fig. 761]) Flores Lavandulae und Oleum Lavandulae (Pharm. germ., austr., helv.), Salvia officinalis ([Fig. 762]) Fol. Salviae (ibid.), Melissa officinalis Fol. Melissae (ibid.), Thymus Serpyllum Herba Serpylli (ibid.), Thymus vulgaris Herba Thymi, Oleum Thymi und Thymolum (ibid.), Rosmarinus officinalis Folia und Oleum Rosmarini (ibid.), Mentha piperita Folia und Oleum Menthae piperitae wie Mentholum (ibid.), Galeopsis ochroleuca Herba Galeopsidis (Pharm. austr.), Origanum vulgare Herba Origani (ibid.), Origanum Majorana Herba Majoranae (Pharm. helv.).
4. Ordnung. Personatae.
Fig. 763. Solanaceae. Diagramm (Petunia). Nach F. NOLL.
Fig. 764. Solanum Dulcamara. 1⁄2 nat. Gr. — Offizinell und giftig.
Gemeinsamen Ursprung mit den Tubifloren scheinen die Personatae zu haben. Sie umfassen ebenfalls radiäre und dorsiventrale Blütenformen, doch fehlen die falschen Scheidewände, und die Zahl der Samenanlagen ist erheblich größer. Die 1. wichtige Familie, Solanaceae, besitzt meist radiäre Blüten, deren Kronblätter in der Knospenlage gefaltet sind. Der Fruchtknoten wird durch eine schräg zur Mediane stehende Wand geteilt ([Fig. 763]). Die verschiedenartigen Früchte umschließen Samen mit stark gekrümmtem Embryo im Endosperm. Anatomisch ist der Besitz bikollateraler Leitbündel hervorzuheben.
Fig. 765. Atropa Belladonna. 1⁄2 nat. Gr. — Offizinell und giftig.