Das Cap von Antibes versorgt jetzt mit seinen Blumen die nächsten Märkte der Riviera und versendet sie auch in großen Mengen täglich nach dem Norden. Wie groß der Verbrauch an Blumen an der Riviera selbst geworden ist, wird Jeder beurtheilen können, der die Blumenmärkte der Städte dort besuchte und einigen Blumenfesten beigewohnt hat. Die Blumenausfuhr nach dem Norden hat andererseits riesige Ausdehnung angenommen. Thatsächlich reicht diese Art Blumencultur an der Riviera nicht über 1850 zurück, früher wurden die Blüthen nur zum Zwecke der Parfümerie gezogen. In der nächsten Nähe von Toulon beginnen die Pflanzungen und reichen bis nach Genua; die französische Seite der Riviera ist in einen einzigen Blumengarten schon verwandelt. In Ollioules bei Toulon werden Unmengen römischer Hyacinthen gezogen und wandern abgeschnitten nach den nordischen Städten, bevor die holländische Hyacinthe dort erscheint. In Ollioules gibt es auch Narcissen, Jonquillen, Tazzetten, weiße und rothe Nelken. In der Gegend von Cannes und Grasse herrschen die Anemonen und Ranunkeln vor. Sie zeigen ungeahnte Größe und seltene Farbenpracht. Nicht minder staunt man über den Umfang, den Nelken, wie der Dianthus Caryophyllus flore pleno, var. Marguerite, hier erreichen können: manche Blüthe sieht aus, als wenn sie ein kleiner Blumenstrauß wäre. Zu diesen Pflanzen gesellen sich die Theerosen. Unter ihnen herrscht die sattgelbe Safrano vor, die auch rauhe Witterung gut verträgt und selbst im December ihre Blüthenknospen treibt. Gleich genügsam sind manche Monatsrosen, die weiße Bengal-Ducher und die rothe Bengal-Sanglant, die demgemäß auch bevorzugt werden; doch an stark besonnten Mauern und unter Glasdächern, die in Cannes und Antibes große Bodenflächen decken, gedeihen die empfindlicheren Rosen, so auch Maréchal Niel, Marie van Houtte, Gloire de Dijon, Souvenir de la Malmaison, Paul Nabonnand, La France und [pg 103] wie sie sonst heißen, jene Rosen, die auch unsere Blumengärten im Sommer zieren. Hunderttausende solcher Blüthen entfalten sich im Frühjahr an einem und demselben Tage in Cannes und Antibes, oft ohne daß noch eine Möglichkeit vorhanden wäre, sie alle zu verwerthen. – In Cannes steht jetzt auch die Acacia dealbata in schwungvoller Cultur und wandert nach dem Norden. Ihre runden Blüthenknäuel, in Traubenform vereint, und die zart gefiederten Blätter haben ihr im Handel den Namen Mimose verschafft. Der Baum wächst erstaunlich rasch, so daß er in fünf bis sechs Jahren wohl zehn Meter Höhe erreicht. Er ist dann schon im Januar mit gelben Blüthen über und über bedeckt. Nach Deutschland gelangt viel Acacia retinoides, die runde Blüthenknäuel wie die andere Art besitzt, doch einfache lederartige lancettförmige Blätter trägt. Eigentlich sind jene Blattgebilde nicht ganze Blätter, vielmehr hat der wissenschaftliche Vergleich gelehrt, daß die Blattfläche bei diesen Acazien schwand und der Blattstiel sich spreitenartig erweiterte. Wir nennen solche Gebilde Phyllodien. Auch Acacia longifolia, die man viel in nordischen Blumenläden sieht, ist mit solchen Phyllodien versehen. Man erkennt sie leicht daran, daß ihre Blüthen nicht zu runden Knäueln, sondern zu raupenförmigen Kätzchen vereinigt sind. Alle diese Acazien blühen gelb, sie folgen in der Jahreszeit auf einander, zuletzt kommt Acacia cultriformis, die erst im März an der Riviera im Blüthenschmuck prangt. Ihre Blüthenstände sind wiederum rund, die Phyllodien aber kurz und breit, zugleich rautenförmig. – Allen Blumensendungen nach dem Norden pflegt man die überall beliebte Reseda beizulegen. Veilchen vertragen schlecht eine weite Reise, werden aber an der Riviera selbst in Unmengen verbraucht, dort auch mit Syrup getränkt und zu Dragée's verarbeitet. Dann versendet man auch blaue Kornblumen, Tuberosen, Goldlack und Levkojen, Gladiolen und weißblühendes Allium, Ixien und die duftenden Freesien. An der Riviera selbst fällt dem Fremden in den Schaufenstern der Blumenläden eine große graue Iris auf, die ganz fein purpurn [pg 104] gesprenkelt ist, eine wahre Trauerblume, die Iris Susiana. Von den großen weißen oder gelben Chrysanthemen (Chrysanthemum frutescens) werden die Blüthen auch viel verwandt, besonders die gelben, die als Étoile d'Or bekannt sind. Sie wandern vornehmlich nach England. Die Expedition dieser Blume reicht bis in den Juni hinein, so lange, als in London die Saison dauert. Man hat berechnet, daß von allen diesen Blumen Cannes und Antibes zusammen in einem Winter für mehr als eine Million Francs nach dem Norden versenden; viel mehr noch wird an der Riviera selbst verkauft.
Die überaus starke Concurrenz veranlaßt strebsame Geister, nach immer neuen »Schöpfungen« für den Blumenmarkt zu sinnen. So erschienen plötzlich in den Centralhallen von Paris als »Neuheit« grüne Nelken. Solche hatte man in der That bisher nicht gesehen, es sei denn auf den Bildern der Impressionnisten. Es ergab sich, daß auch diese grünen Nelken nicht ganz unverfälschte Naturproducte waren. Man erhält sie, indem man abgeschnittene weiße Nelken einen ganzen Tag lang, ja selbst länger, in eine grüne Farbstofflösung stellt. Soll der Versuch gut gelingen, so muß der Stengel innerhalb der Lösung frisch durchschnitten werden. Man kann in gleicher Weise die eine oder die andere Färbung erlangen, nur gilt es, Farbstoffe zu wählen, welche gut in der Pflanze aufsteigen. Am leichtesten gelingen Rothfärbungen weißer Blüthen mit Eosin.
Am Freitag Nachmittag beleben sich plötzlich die Straßen am Cap. Da kommen von allen Seiten Equipagen und bringen Besucher nach Elen Rock, dessen Garten an jenem Tage geöffnet ist. Dieser Garten nimmt einen Vorsprung ein östlich vom Cap. Er liegt zum Theil auf schroffen Felsen, die senkrecht gegen das Meer abfallen. Stufen und Gänge innerhalb dieser Felsen führen hinunter bis zur Meeresfläche. Der Garten bietet herrliche Aussichtspunkte und ist auch reich an schönen Pflanzen, doch macht er einen etwas gekünstelten Eindruck innerhalb der so großartigen Umgebung.
Am Dienstag ist vom frühen Morgen an der Thuret'sche Garten geöffnet, derselbe, der einst George Sand so sehr entzückte. Er dient jetzt der französischen Regierung als Acclimatisationsgarten und enthält sehr viele werthvolle Pflanzen. Manche Arten, die wir in La Mortola schon bewundert haben, finden wir hier in noch größeren Exemplaren wieder. Die berühmte, von George Sand gefeierte Aussicht ist leider geschwunden, verdeckt von den heranwachsenden Bäumen.
Von dem Thuret'schen Garten läßt sich gleich abwärts, in westlicher Richtung, der Weg nach dem Golfe Jouan einschlagen, und so kann man in den Pinienwald gelangen, der sich längs der Küste dort hinzieht. Dieser Pinienwald war einst der Stolz des Caps, jetzt ist er nur noch in Überresten vorhanden. Eine Actiengesellschaft hat die ganze Landstrecke angekauft, eine breite Straße, die Cannes mit dem Cap d'Antibes verbindet, durch den Pinienwald gelegt, diesen selbst parcellirt und mit Eisendraht umzogen. Doch steht manche mächtige Pinie noch da, und in ihrem Schatten gelingt es wohl, sich in die alte Herrlichkeit zurückzuträumen.
XIII.
Die zweite Aprilhälfte war inzwischen angebrochen, und die Pflicht rief mich wieder heim. Ein klarer, wundervoller Frühlingstag ging zur Neige, und ich beschloß, vor Sonnenuntergang noch einmal den Leuchtthurm aufzusuchen. Die Sonne schickte sich an, hinter dem Esterelgebirge zu verschwinden und tauchte dessen dunkelblaue Gipfel in Gold und Purpur. Bald deuteten nur noch lange Lichtstreifen den Weg an, den sie genommen. Trotz seines hehren Glanzes konnte mich dieses Bild nur wehmüthig stimmen: es steigerte die Empfindung des Abschiedes. Ich wandte meine Blicke den Bergriesen zu, die mit phantastischem Umriß sich von dem östlichen Himmel abhoben. Sie begannen im Abendroth zu glühen. Es war ein Anblick, so erhaben, daß man sich in demselben ganz verlieren konnte, von jener weltumfassenden [pg 106] Sehnsucht ergriffen, die uns mit dem All verbindet. Jedes persönliche Empfinden war gewichen vor dem mächtigen Gefühl, sich Eins mit dieser göttlichen Natur zu fühlen. – Immer weiter und weiter dehnten sich die Schatten aus über das Land: sie begannen emporzusteigen an den Hügeln, an den Bergen, sie drangen ein in die Tiefe der Thäler und löschten die glühenden Lichter aus an den Hütten und Palästen. Die ganze Natur schien sich in tiefen Schlaf zu versenken. Bald waren es nur noch einzelne Segel im weiten Meere und die schneebedeckten Gipfel der Alpen, die im rosigen Schimmer glühten. Dann legte sich ein schwarzer Schatten auch über das Meer, und nur den Riesen da oben war es vergönnt, die Königin des Lichtes noch zu schauen. Wie von innerem Feuer entbrannt, schwebten sie jetzt in überirdischer Glorie.
Dieses Bild wollte ich in meinem Innern festhalten als letzten Eindruck von der Riviera, und mit geschlossenen Augen trat ich den Rückweg an. Als ich mich endlich umsah, hatten die Schatten der Nacht sich bereits über die Hügel gelagert und die Umrisse der Dinge in geisterhaften Schemen verwischt. – Hoch oben aber ragte der Leuchtthurm in die Lüfte. Vom Wächter entzündet, strahlte er jetzt wie ein großer Stern weit über Land und Meer, ein Ziel der Sehnsucht für Alle, die jenes herrliche Stück Erde einmal gesehen.