Zum mindesten bürgt das durch zahllose Gegenartikel, Vorträge, Zuschriften u. s. w. bekundete Aufsehen, welches die Mehrzahl der nachstehenden Aufsätze schon bei ihrer vereinzelten Veröffentlichung in Zeitschriften gemacht hat, dafür, dass dieselben auch in ihrer nunmehrigen Zusammenstellung einige Beachtung verdienen dürften; denn erst in dieser ihrer Vereinigung lassen sie ihre innere Zusammengehörigkeit, sowohl unter einander, als auch mit den Schriften über das Judenthum und den Spiritismus erkennen. Die Abhandlung „Der Somnambulismus“ bildet eine unmittelbare Ergänzung zu der Schrift über den Spiritismus, indem beide sich gegenseitig erläuternde Arbeiten die sogenannte „Nachtseite der menschlichen Natur“ erörtern und entschieden gegen eine neuere, auf den Geheimbuddhismus gestützte mystische Richtung Front machen, welche dieses Gebiet eines krankhaften Nerven- und Seelenlebens zu einer dem normalen Zustand überlegenen höheren Stufe des Geisteslebens aufzubauschen versucht. Die Aufsätze gegen den Vegetarianismus, den Antivivisektionismus, die Frauenemancipation und die egoistisch überspannte Missachtung der Familienpflichten gehören ebenfalls in eine engere Gruppe zusammen, welche der Schrift über das Judenthum schon dadurch näher gerückt ist, dass in ihnen allen der abstrakte Idealismus und die falsche Sentimentalität bekämpft wird.
Bekanntlich hatte Richard Wagner in seinen letzten Lebensjahren neben andern Eigenthümlichkeiten auch diejenige, sich zum theoretischen Vertreter des Vegetarianismus, Antivivisektionismus und Antisemitismus aufzuwerfen, und unter demjenigen Theil seiner Jünger und Anhänger, welcher darauf schwört, dass in dem Evangelium des Meisters auch seine Art sich zu räuspern und zu spucken einen untrennbaren Bestandtheil bilde, spielen auch Vertreterinnen der Frauenemancipation eine bedeutende Rolle. Hier findet also gleichsam ein Zusammenfluss der verschiedenen Ströme des abstrakten Idealismus statt, welche ich in der vorliegenden Schrift bekämpfe, und es scheint deshalb unvermeidlich, dass dieselbe bei diesem Kreise noch grösseren Anstoss erweckt, als dies schon früher meine Nichtanerkennung der Schopenhauerschen Mitleidsmoral und Theorie der Musik und meine Kritik sowohl des Urbuddhismus (im „Religiösen Bewusstsein der Menschheit“ B. I, 2) als auch des Geheimbuddhismus (in den „Philosophischen Fragen der Gegenwart“ Nr. IX) gethan hat.
Mögen diese Blätter trotz aller weiteren Anfeindungen, die ihnen nicht erspart bleiben werden, einen Leserkreis finden, der geneigt ist, in dem wüsten Durcheinander fanatischer Parteistimmen auch der Stimme der parteilosen nüchternen Besonnenheit sein Ohr zu leihen, und mögen diejenigen, welche meine Ansichten nur aus gegnerischen Entstellungen kennen, sich durch eignen Einblick überzeugen, dass sie nichts weiter enthalten, als was für jeden Unbefangenen selbstverständlich und kaum des Aussprechens bedürftig scheinen sollte. Wenn aber philosophische Kritiker sich daran stossen sollten, dass ich mir die Mühe gegeben habe, auch Selbstverständliches niederzuschreiben, so bitte ich sie zu erwägen, dass verkehrten Zeitströmungen gegenüber auch das Aussprechen des Selbstverständlichen sein Recht hat, und dass es des Philosophen nicht unwürdig ist, auch der populären Behandlung von Zeitfragen näher zu treten.
Berlin-Lichterfelde, im Herbst 1885.
Eduard von Hartmann.
Vorwort zur zweiten Auflage.
Der baldige Absatz der ersten Auflage dieses Buches liefert die erfreuliche Bestätigung dafür, dass die am Schlusse ihres Vorworts ausgesprochene Hoffnung nicht zu Schanden geworden ist. Ich habe in der zweiten Auflage als Nr. V-VII drei Aufsätze über die heutige Geselligkeit, über die Wohnungsfrage und über moderne Unsitten eingeschaltet, welche sich ihrem Inhalt nach an die ersten vier Aufsätze auf das engste anschliessen und dem Buch noch mehr als bisher den Charakter eines Vorläufers zur Socialethik geben. Ebenso habe ich den beiden Aufsätzen über die Schulfrage einen dritten (Nr. XII) hinzugefügt, welcher eine Uebersicht über den gegenwärtigen Stand der ganzen Bewegung giebt und die zunächst erforderlichen Schritte präcisirt. Dagegen habe ich den Aufsatz über den Rückgang des Deutschthums fortgelassen, weil inzwischen mit dem Erlass und der fortschreitenden Ausführung der preussischen Polengesetze sein Zweck erfüllt und seine Aktualität erloschen ist. In einigen der anderen Aufsätze, besonders in Nr. XV, habe ich kleinere Zusätze beigefügt, welche durch die an die erste Auflage geknüpfte Kritik und Polemik veranlasst worden sind. Möge das Buch auch in seiner neuen Gestalt günstige Aufnahme finden.
Berlin-Lichterfelde, im März 1888.
Eduard von Hartmann.