[Kapitel IX.]
Der Winter 1777.
Die hessischen Offiziere und Soldaten, welche in Trenton gefangen genommen waren, mussten am 26. Dezember 1776 denselben kalten und mit Schnee bedeckten Weg, auf welchem die Amerikaner zum Angriff vorgegangen waren, zurücklegen. Wir können sie uns in ihren Uniformen zitternd vor Frost vorstellen, während ihre zerlumpten und barfüssigen Bezwinger fröhlich neben ihnen her marschierten und in der Siegesglut den eisigen Wind vergassen. Wieder wurde der Delaware durch die schwimmenden Eisstücke hindurch überschritten, und man kann überzeugt sein, dass es nicht die zerlumpten Amerikaner waren, deren Zähne klapperten; aber eine Reaktion trat ein nach so viel Mühsal und Aufregung; am nächsten Morgen war die Hälfte der siegreichen Armee erschöpft und dienstuntauglich. 40 Stunden waren die Amerikaner ununterbrochen unter den Waffen gewesen und hatten marschiert und gefochten in Schnee und Eis eines Dezembersturmes, so dass nun die Natur Ruhe und Unterkunft für einige Tage forderte. Nur Washington war unermüdlich, und obschon die Dienstzeit eines grossen Teiles seiner Armee im Ablaufen begriffen war, schickte sich der grosse Feldherr an, aus dem errungenen Erfolg Vorteil zu ziehen.
Die hessischen Offiziere wurden mit grosser Höflichkeit von den Führern der Amerikaner behandelt. Washington drückte sein Mitgefühl mit ihnen unmittelbar nach ihrer Übergabe aus. Stirling, der erst vor kurzem nach seiner Gefangennahme auf Long-Island ausgewechselt war, erzählte den Offizieren, die ihn besuchten, dass Heister ihn wie einen Bruder behandelt habe, und dass er sie ebenso behandeln wollte. Er begleitete sie bei ihrem Besuch bei General Washington und lud einige von ihnen zum Diner ein. Washington erwies dieselbe Höflichkeit einigen von den anderen. Einer von seinen Gästen hat in seinem Tagebuch einen Vermerk über den Eindruck hinterlassen, den der berühmteste unter den Amerikanern auf ihn gemacht hat: »Diesem General sieht man in seinem Gesicht nicht die Grösse an, welche ihm im allgemeinen beigemessen wird. Seine Augen haben kein Feuer, aber die freundliche Art seines Ausdrucks, wenn er spricht, flösst Zuneigung und Hochachtung ein.«
Wiederhold schreibt: »Am 28. dinierte ich, wie gesagt, ebenso wie mehrere andere Offiziere, mit General Washington. Er that mir die Ehre an, sich viel mit mir über die unglückliche Affaire zu unterhalten, und da ich ihm frei heraus die Ansicht äusserte, dass unsere Massregeln schlecht gewesen wären, andernfalls wir nicht in seine Hände gefallen wären, fragte er mich, ob ich bessere Massregeln getroffen hätte und in welcher Weise. Darauf sagte ich Ja; erwähnte alle Fehler, welche begangen worden waren, und zeigte, was ich gethan haben und wie ich mit Ehren aus der Verlegenheit gekommen sein würde. Er billigte dies nicht nur, sondern sagte mir auch einiges Schmeichelhafte darüber, sowie auch über meine Wachsamkeit und den Widerstand, den ich mit meinen wenigen Leuten in der Postenlinie am Morgen des Angriffes gemacht hätte. General Washington ist ein zuvorkommender und eleganter Mann, aber scheint sehr polite und reserviert zu sein, spricht wenig und hat eine schlaue Physiognomie. Er ist nicht sehr gross, aber auch nicht klein, sondern von Mittelgrösse, und hat eine gute Figur.« Es ist interessant, sich diese Szene vorzustellen — das Wohnzimmer im Farmhaus, das Feuer aus dickem Scheitholz, die triefenden Lichter, die Bowle mit rauchendem Punsch und General Washington die Kriegskunst erörternd mit seinem Gefangenen, der, obwohl nur ein Lieutenant, ausländischen Kriegsdienst kennen gelernt hat und wohl wert ist, angehört zu werden.
Die Gefangenen wurden binnen Kurzem nach Pennsylvanien und Virginien befördert. Überall strömte das Volk zusammen, um sie zu sehen, und wenn den fremden Eindringlingen in ihrem Unglück manchmal mit Flüchen und Verwünschungen begegnet wurde, so dürfen wir diejenigen nicht zu scharf beurteilen, deren Söhne und Brüder von den Hülfstruppen umgebracht werden sollten.
Wir werden beinahe finden, dass die Wage sich zu Gunsten der Amerikaner neigt, welche bei vielen Gelegenheiten ihren Feinden mit Vergebung und Freundlichkeit begegneten. Die Begleitmannschaft der Gefangenen that beständig ihre Pflicht und gelang es ihr, diese vor allem Schlimmeren als Beschimpfungen zu bewahren. Die hessischen Offiziere und Leute wurden von einander getrennt, und es ist nicht uninteressant, ihren Wanderungen bis ins Einzelne zu folgen. Die Offiziere waren in Philadelphia und statteten General Israel Putnam am Neujahrstag einen Besuch ab. »Er schüttelte jedem von uns die Hand,« sagt einer in seinem Tagebuch, »und wir mussten Alle ein Glas Madeira mit ihm trinken. Dieser alte Graubart mag ein guter, ehrlicher Mann sein, aber niemand anders als die Rebellen würden ihn zum General gemacht haben.«
Die Offiziere wurden, nachdem sie in Dumfries und im Thal von Virginia einquartiert waren und viele kleine Beschwerden zu ertragen gehabt hatten, im Dezember 1777 nach Fredericksburg gebracht, wo sie mit grosser Gastfreundschaft und Güte behandelt wurden. Wiederhold wird förmlich pathetisch bei dem Gedanken, von seinen dortigen Freunden Abschied zu nehmen. Die Gefangenen hatten in grosser Gunst bei den Damen der Nachbarschaft gestanden, welche, wie der Lieutenant sagt, »schön, zuvorkommend, gütig, bescheiden und vor Allem sehr natürlich und ungezwungen waren.«
16 Damen »ersten Ranges« verabredeten sich nebst einigen Herren, den Kapitän in seinem Quartier zu überraschen, wovon er vorher heimlich unterrichtet worden war. Er erzählt uns, dass sie kamen und nur eine Stunde zu bleiben beabsichtigen, doch schliesslich von 1/2-4 bis 10 Uhr abends blieben. General Washingtons Bruder, Schwester und Nichte waren darunter. Die deutschen Offiziere regalierten ihre Gäste mit Thee, Kaffee, Chokolade, Claret-Wein und Kuchen, und unterhielten sie mit Instrumental- und Vokal-Musik, an welcher sich die Damen manchmal beteiligten. »In Europa würden wir keinen grossen Beifall geerntet haben, aber hier galten wir für Meister. Sobbe spielte die Flöte, Doktor Oliva die Violine und ich die Guitarre. Wir wurden so mit Beifall überschüttet, dass wir ganz beschämt waren. Ihre Freundschaft für uns war zu gross. Einige von den amerikanischen jungen Herren wurden eifersüchtig.«
Alle diese Freundlichkeit machte Eindruck auf die Gefangenen. In Dumfries 9 Monate vorher, hatte Wiederhold in sein Tagebuch niedergeschrieben, dass er lieber ein kleines Gut in Hessen besitzen wolle, als die grösste Besitzung in Virginia und dass Amerika für solche Leute gut wäre, welche zu Hause dem Galgen entronnen wären. Nun ist er aber beim Verlassen von Fredericksburg ganz traurig, obschon es galt, zur Armee nach Philadelphia zurückzukehren. Indessen hatte er persönliche Gründe hierfür. »Es war sicherlich eine grosse Sache, sich so grosser Freundschaft, ja, ich möchte sagen, Liebe zu erfreuen von Leuten, deren Feinde wir waren und gegen die wir bald wieder als Feinde auftreten mussten.