von gewidmetvon

dem Uebersetzer von gewidmet vondem Uebersetzer


[Einleitung des Übersetzers.]

In vorliegendem Buche will der Verfasser das Auftreten der »Deutschen Hilfstruppen« in Amerika einer genauen Beleuchtung unterwerfen, insbesondere will er den Legenden entgegentreten, die sich in seinem Vaterlande im Laufe der Zeit über die Hilfstruppen — mit dem Sammelnamen »Hessen« bezeichnet — gebildet haben. Seine Anschauungen in Betreff der Subsidien-Verträge mit England und der an diesen beteiligten Fürsten stimmen im allgemeinen mit den Ansichten weiter Kreise in Deutschland überein, viele urteilen bei weitem schärfer, aber bei einer grossen Menge werden die abfälligen Urteile nach verschiedener Richtung hin mehr oder weniger scharf bekämpft. Wie erklärt sich dieser Zwiespalt der Meinungen, und wie könnte er einigermassen überbrückt werden? Er erklärt sich m. E. hauptsächlich dadurch, dass viele Geschichtschreiber die Frage des sogenannten Soldatenhandels nicht genügend im Lichte der damaligen Zeit betrachten, und dass diese Frage bisher nicht in ihrer Vielseitigkeit und mit derjenigen Gründlichkeit behandelt worden ist, die zur Erlangung eines objektiven Urteils unbedingt notwendig ist. Ein solches Urteil wird nur erlangt werden können durch eine genaue Prüfung und Vergleichung der bereits vorhandenen und eine Untersuchung der noch unbenutzt liegenden Quellen, ferner durch gleichzeitiges in-Betrachtziehen der politischen und militärischen Verhältnisse und Zustände — und ihrer Entwickelung — in allen Staaten, die im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts je an dem Überlassen von Truppen gegen Subsidien beteiligt gewesen sind, und schliesslich durch ein sich-Vertiefen in die Anschauungen der Zeit und zwar aller Kreise: der Fürsten, Landstände, Offiziere, Soldaten und des Volkes. Nur aus dem Geiste der Zeit heraus kann das Übereinkommen deutscher Fürsten mit England im Jahr 1776, können die Urteile der Zeitgenossen für und wider — verstanden, erklärt werden. Von grosser Bedeutung aber ist die Thatsache, dass die Verträge mit England und das Auftreten deutscher Soldtruppen in Amerika in den Zeitabschnitt fallen, der der französischen Revolution vorausging. Hervorragende Geister der damaligen Zeit bemühten sich, weiten Kreisen in Europa bei Gelegenheit des ungewöhnlichen Falles der Verschickung deutscher Truppen über den Ozean zum Bewusstsein zu bringen: was das Überlassen von Menschen an fremde Souveräne gegen Geld zu bedeuten habe! Wie in vielen andern Dingen so auch in dieser Frage beginnt sich ein Wandel in den Anschauungen Bahn zu brechen. Das was die Fürsten und die an den Verträgen mit England interessierten Kreise — im Geiste ihrer Zeit, in ihren Ideen und ererbten Überlieferungen befangen, sowie unter Berufung auf die Reichsverfassung — zu thun für Recht hielten, wird als »Menschenhandel« bezeichnet. So erklärt es sich, dass bei den Verträgen des Landgrafen Friedrich II. und der andern beteiligten Fürsten Ausdrücke wie »Verkauf« und »Seelenhandel« anfangen laut zu werden, während man zu Zeiten der frühern Subsidien-Verträge in dem Überlassen von Truppen etwas Althergebrachtes, nichts Unrechtes erblickte.

Viel Aufsehen hat seiner Zeit das Buch von Friedrich Kapp über den »Soldatenhandel« erregt. Er nennt es »Beitrag zur Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts.« Niemand wird den Wert, den es hat, bestreiten. Ein Buch aber, das sein Entstehen einer Tendenz verdankt, wie sie der Verfasser im Eingang zum Ausdruck bringt, kann unmöglich Anspruch auf Objektivität machen. Und wer eine so leidenschaftliche Sprache wie Kapp führt, kann nur ein einseitiges, kein gerechtes Urteil fällen.

Wie wir sehen, stützt Lowell sein Urteil über die deutschen Zustände im 18. Jahrhundert zum grossen Teil auf die Forschungen Kapps, sowie auch auf Seume (dessen Zeugnis aber ebenfalls nicht kritiklos hinzunehmen ist). Dieser Teil des L.schen Buches wird deshalb sicher — wenngleich ihn eine völlig objektive Ausdrucksweise auszeichnet — von einer spätern Geschichtschreibung berichtigt und ergänzt werden. Von unbestreitbarem Wert wird aber ebenso sicher der Hauptteil seines Buches sein, in dem er — dank seiner umfassenden und gewissenhaften Quellenforschungen — besser, und nebenbei fesselnder, als irgend ein Geschichtschreiber vor ihm, uns erzählt, von welcher Art deutsche Offiziere und Soldaten waren, die in der »Neuen Welt« auftraten, welche Eindrücke sie von ihr bekamen, und dass sie unter den schwierigsten Verhältnissen ihre Schuldigkeit gethan haben.

Zum Schluss möchte ich noch einmal darauf hinweisen: das Vermieten von Truppen ist eine Erscheinung im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts, die der Geschichte einer grossen Zahl von deutschen Staaten, darunter die bedeutendsten, angehört. Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte wird in vorliegendem Buche in Erinnerung gebracht. Dunkel sah es mehr oder weniger in allen deutschen Landen — in mancher Hinsicht — um die Zeit des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts aus. Gleichzeitig wissen wir aber zu unserm Glück, dass dieses Dunkel einem Licht hat weichen müssen, das uns das 19. Jahrhundert gebracht hat.

Frankfurt a. M., im März 1902.

v. Verschuer.