Einmal hatte einer meiner Couleurbrüder zur endlichen Bezahlung seiner Schulden 200 Kronen erhalten. Kaum hatte er uns von diesem sensationellen Ereignis auf unserer Bude, die sich in dem Gasthaus auf der Judeninsel befand, in Kenntnis gesetzt, als wir auch schon beschlossen, damit dem Brückenmann der Franzensbrücke einen Streich zu spielen. Zehn Bursche wurden je mit einer Zwanzigkronennote beteilt, selbstverständlich erst nachdem sie sich „auf Grand-Cerevis“ — die Eidesformel beim Biertisch — verpflichtet hatten, sie wieder zurückzustellen. Nun ging es dem Mauthause zu. Der erste von uns reichte dem Zöllner die Banknote und dieser gab murrend 19 Kronen 98 Heller zurück. Dann kam der zweite, und gleichzeitig streckten acht andere Hände dem Mauteinnehmer die Banknoten zu. Der gute Mann war entsetzt. „Es könnte doch einer für alle Herren zahlen,“ wandte er ein. „Wir kennen einander ja gar nicht,“ war unsere Antwort. Nun wollte uns der Einnehmer mit großmütiger Gebärde die Entrichtung erlassen. Aber wir wollten uns keinesfalls unserer Prager Bürgerpflicht begeben, wollten den Stadtsäckel nicht schädigen. Schließlich machte Meister Zöllner dem Konflikt ein Ende, indem er sich in seine Hütte verkroch. Da mußten wir denn doch von dannen, ohne unserer Bürgerpflicht Genüge getan zu haben. Wahrscheinlich hat sich der Zöllner darüber ins Fäustchen gelacht. Wir aber lachten laut.


Einmal zogen wir aus der „Quelle“ in Bubentsch nächtlicherweile nach Prag. Als wir zum Kleinseitner Brückenkopf des Kettenstegs kamen, schlief der Zöllner bereits den Schlaf des Gerechten und an seinem Fenster war der Holzladen heruntergelassen, denn drüben am andern Ufer versah der andere Mauteinnehmer — wie allnächtlich — für ihn den Dienst. Schon wollten wir weckend an die Bude klopfen, als uns ein üppig gelaunter Kommilitone davon abhielt. Er legte still einen Kreuzer auf das Brett vor dem geschlossenen Schalter und befahl uns, ihm in einer Distanz von einigen Schritten über die Brücke zu folgen. Bei der Josefstädter Brückenmündung trat ihm der Zerberus mit heischender Hand entgegen. Unser Freund tat sehr erstaunt. Er werde doch nicht zweimal zahlen, man zahle doch nur beim Betreten der Brücke und das habe er getan.

„Das ist eine Lüge,“ erklärte der Brückenhüter, „drüben ist ja geschlossen. Sie müssen hier bezahlen.“

„Ob drüben geschlossen ist, geht mich nichts an. Darauf habe ich nicht geachtet. Ich habe drüben bezahlt, wie ich immer beim Betreten der Brücke zahle.“

Der Zöllner rief die heilige Hermandad herbei. Der Wachmann kam und mein Freund verlangte die Sicherstellung des Mauteinnehmers, da er von diesem durch das Wort „Lüge“ beleidigt worden sei. Der Zöllner leugnete nicht.

„Der Herr hat behauptet, drüben gezahlt zu haben und das ist eine Lüge!“

Unser Freund verlangte nun erregt, der Wachmann möge konstatieren, ob der Kreuzer wirklich drüben liege. Dies werde bei der Verhandlung in der Ehrenbeleidigungsklage das wichtigste Moment sein. Das sah der Wachmann ein und war bereit mit unserem Freunde auf das jenseitige Ende der Brücke zu gehen. Der Zöllner, der eine eventuelle Beeinflussung des Polizisten vermeiden wollte, sperrte seine Bude und ging mit. Wir hinterdrein. Als der Zug wieder glücklich auf der anderen Seite war, erblickte man das künftige Corpus delicti: Der Kreuzer lag friedlich auf dem Schalterbrett. Mit majestätischer Handbewegung wies unser Freund auf ihn. Der Brückner war geschlagen. Schon wollte er mit mißmutiger Gebärde den Kreuzer an sich nehmen, als unser Kommilitone herzusprang und ihn einsteckte.

„Über eine Brücke, auf der man die Passanten derart behandelt, gehe ich nicht. Wir gehen über die Elisabethbrücke.“ Und zum verdutzt dastehenden Zöllner gewandt, fügte er hinzu: „Auf diese Weise treiben sie alle ihre Kundschaften der Konkurrenz in die Arme.“