Grandios ist der Darsteller des Wirtes und Wilddiebes Quantner. Sein Lob wäre nur in Superlativen zu singen. Wenn er sich räuspert, wenn er sich schneuzt, wenn er sich seine Pfeife ansteckt, wenn er sich nach herzhaftem Trunk mit der Zunge den Bart reinigt, wie er sein Versprechen, daß alles, was hinter’m Herde liegt, des Dirndls Eigentum sein soll, langsam und schwerfällig auf das Papier kritzelt, ist er von einer Echtheit, wie sie kein Berufsschauspieler aufzubringen vermag. Und wie er dann mit geballter Faust auf seinen unfolgsamen Sohn zustürzt — das kann kein Mime kopieren, das muß von klein auf gelernt sein. Da sich die Biographie dieses vortrefflichen Schauspielers in keinem Bühnenlexikon vorfindet, sei erwähnt, daß „Quantner“, ein etwa fünfzigjähriger Mann, schon zum viertenmale im hiesigen Arbeitshaus deteniert ist. Nach seiner Freilassung treibt es ihn immer wieder in die Alpen, wo er im Sommer und Winter umhervagiert. Aber auch auf den Bergen, wo angeblich die Freiheit wohnt, gibt es Gendarmen, und die bewirken es, daß er immer wieder nach Prag, zum Schauspielerberuf, zurück muß. Nach der Überzeugungstreue, mit der er den Wilddieb auf der Bühne verkörpert, könnte man schließen, daß er dieses Handwerk auch außerhalb der Bühne auszuüben gewohnt ist. Wie dem auch sei: Erwischt wurde er wegen dieses Deliktes noch nicht, denn unter seinen achtzehn Vorstrafen finden sich nur solche wegen Landstreicherei, Diebstahls, Vagabundage u. dgl.
Das „Nandl“, die brave Bauerndirn, spielt ein jüngerer Korrigend. Er sieht ganz reizend aus und beherrscht seine Rolle vortrefflich. Den Sohn des Quantner und Geliebten der Nandl spielt gleichfalls ein junger Bursch. Er war noch vor kurzem in der Arbeitsanstalt für Jugendliche in Grulich interniert, hat sich aber nicht dauernd gebessert, obwohl er dort brav und fleißig gewesen war. Gleich nach seiner Entlassung hatte er seine Kleider verkauft und sich einer umherziehenden Zigeunertruppe angeschlossen. Aus der Hradschiner Anstalt, in die er dann gebracht worden ist, ist er entwichen, als er zur Arbeitsleistung in die Findelanstalt beordert worden ist. Sein Spiel ist gedrückt. Er geht fast fortwährend im Hintergrund der Bühne auf und ab und bringt seine Sätze halb zaghaft, halb mürrisch hervor. Das wirkt sehr gut, denn er gibt ja einen unglücklichen Liebhaber.
Das Stück ist aus. Das Publikum klatscht stürmisch und die Darsteller machen ungelenke Komplimente. Der Vorhang fällt. Herr Direktor Tilšer willfahrt in liebenswürdiger Weise meinem Wunsche, die Bühne von rückwärts besichtigen zu dürfen. Man stellt die Kulissen zum nächsten Stücke auf. Der Protagonist, der „Quantner“, hockt auf der Schulter des „Feuerwehrmannes“ und schlägt oben auf der Kulisse zwei Nägel ein. Auch „Fräulein Nandel“ zimmert eifrig und keiner von den Akteuren ist müßig. Die Anordnungen schwirren durcheinander: Einen Regisseur scheint es nicht zu geben, und ein Aufseher darf nicht hierher. Die Künstler achten streng auf die Wahrung ihrer Autonomie. Auf einem Tisch liegt ein dickes Heft, auf dem von ungeschickter Hand mit Bleistift unorthographische Sätze gekritzelt sind: Die Rolle.
Das zweite Lustspiel beginnt. Es heißt „Ein Zwiegespräch“ und der Witz besteht darin, daß ein alter Sonderling einen Besucher für den Aspiranten auf die Wärterstelle bei seiner Katze hält, während sich der Fremde um die Hauslehrerstelle bei der Tochter des Privatiers bewirbt. Den Hauslehrer spielte ein junger Bursch, ein wiederholt vorbestrafter Einbrecher, ganz gut. Aber den größten Beifall hatte er, als er wie unversehens an seinen Partner anstieß, und in einem prächtigen Purzelbaum zu Boden stürzte. Ebenso bildete es im nächsten Stücke, dem Lustspiel „Er muß taub sein“, den Höhepunkt der Handlung, als der von seiner Taubheit geheilte Hausherr plötzlich die Beschimpfungen seines Dieners vernimmt, und diesem einen Fußtritt in den Rücken versetzt, der entschieden an anderer Stelle nach § 421 StG. geahndet worden wäre. (Stürmischer Beifall.) In diesem letzten Stücke spielt übrigens auch ein ehemaliger Bauzeichner, der sich ganz als Gentleman benimmt und seine Mahlzeit in einer Weise verzehrt, die auch den höchsten Anforderungen des guten Tones entspricht.
Zum Schluß der Vorstellung singen die Darsteller aller Stücke ein weihevolles Abschiedslied „Gute Nacht“. Es ist ganz rührend, wie diese wetterharten Feinde der menschlichen Gesellschaft den feierlichen, kindlichen Choral anstimmen.
Alles ergießt sich in den Hof, um sich draußen die Tabakspfeife anzuzünden. Nur die Akteure müssen hierbleiben. Sie haben die Kostüme abzulegen und einzupacken, damit sie morgen der Maskenleihanstalt wieder rückerstattet werden können, von der sie um den Preis von drei Kronen ausgeliehen worden sind. Dies sind die ganzen Barauslagen: sie werden aus den Zinsen des Depositenfonds und durch freie Spenden des Direktors gedeckt. Dann muß die Bühne abgenommen, die Kulissen, der Vorhang und der geflochtene Souffleurkasten wieder ins Magazin getragen werden. Jetzt hört für die Schauspieler das Benefizium auf, am Abend eine Stunde länger aufbleiben und die Rollen lernen zu dürfen; in dem Saal, in dem sie heute akklamierte Künstler waren, müssen sie morgen auf den Steinfliesen sitzen und Weidenruten zu Körben flechten. Für geraume Zeit bleibt ihnen nur die Erinnerung an ihren Erfolg, an die „lichteren Seiten des Anstaltslebens“.
Das Märchen vom Mistwagen
Es war einmal — so geht ein Grimmes Märchen — eine Stadt, die sehr, sehr alt war. Das konnte man an den vielen altertümlichen Häusern und Türmen sehen und an dem Schmutz, der überall in den Straßen, auf den Plätzen, in den Häusern und selbst im Wasser des Stromes vorhanden war. Während aber die altertümlichen Häuser und Türme den Machthabern dieser Märchenstadt durchaus nicht heilig waren, war es der Unrat um so mehr. So heilig war der, daß eine unverbürgte Sage ging, im Hause des weisen Rates der Stadt sei am meisten Schmutz verborgen und seine Erhaltung verschlinge jährlich viele Millionen Goldes.
Und draußen vor der Stadt, am Fuße eines Berges, auf dem Žižka, der Einäugige, eine Schlacht gekämpft hatte, in einer Gegend, die nach diesem Žižka benamset war, lebte ein Recke. Der war ein kühner Kämpfer und ein mutiger Rufer im Streite, aber er war von unbezwingbarer Habgier beseelt. Er hatte nicht genug an dem Schmutze, der in seiner Behausung war, er wollte auch den Schmutz der anderen sein eigen nennen. So fuhr er denn, um dieses Kleinod zu erringen, alltäglich auf seinem hohen Streitwagen auf Beute aus.