Ueber Hamburg ließe sich vieles sagen; zu den größten Sehenswürdigkeiten gehört der mit Hunderten von Millionen erstellte Hafen, in dem alle Schiffe der Welt verkehren. Ein bewunderungswürdiges Monument des Hamburger Kunstgewerbes, aber auch des Hamburger Bürgerfleißes und — Reichtums bildet das dortige Rathaus, das an Geschmack und Gediegenheit seiner innern Ausstattung alle ähnlichen mir bekannten Gebäude übertrifft, so namentlich auch das prunkvolle neue Reichstagsgebäude in Berlin. Der Hamburger ist aber auch stolz auf seine Vaterstadt und trägt bei jeder Gelegenheit seine republikanische Unabhängigkeit zur Schau. Dem politischen Oberhaupte, dem deutschen Kaiser, scheint von Arm und Reich so ziemlich das erlaubte Mindestmaß von Majestätsfurcht entgegengebracht zu werden; unter anderm zitierte unser Bootführer seine kaiserliche Majestät, wenn er bei Erklärung verschiedener öffentlicher Bauten darauf zu sprechen kam, stets einfach als „Wilhelm zwei“.
Großartig hat die Stadt Hamburg für ihre Kranken gesorgt. Das neue Krankenhaus in Eppendorf, das wir besuchten, besteht aus 90 Gebäuden, die in einen herrlichen Park eingelagert sind. 2000 Kranke finden dort Unterkunft und werden durch 220 Schwestern, 80 Laienwärterinnen und 32 Aerzte verpflegt. Die Anlage der zentralen Institute — Küche, Wäsche (pro Tag müssen 8000 Stück Linge gewaschen werden!), Desinfektionsanstalt, Sektionsgebäude (1300 Sektionen pro Jahr; während der Cholerazeit 1336 in 4 Wochen!), Operationsgebäude, Badehaus, Schwesternhaus etc. — ist erstaunlich!
Einen Vormittag widmeten wir dem „Alten im Sachsenwalde“. Nach halbstündiger Fahrt auf der Linie Hamburg-Berlin erreicht man die Station Friedrichsruh. Wer aber dort etwas zu sehen erwartet, ist geleimt. Der Park des Bismarckschen Schlosses stößt zwar direkt an die Eisenbahnlinie; Mauern und dichte Baumschläge verbieten aber dem Auge jeden Einblick, und wo dem suchenden Wanderer sich ein Eingang zu öffnen scheint, hemmt eine mächtige Verbottafel den Eintritt.
Wir umkreisten im Dunkel eines Eichwaldes das große Gut, klommen längs der Einfriedigung in die Höhe; aber nirgends bot sich eine Möglichkeit, etwas zu sehen. Endlich aber erreichten wir eine unverschlossene Pforte im Waldesdickicht, an welcher eine Verbotstafel fehlte. Unter meiner Führung drang die kleine unverschämte Schweizerkarawane ein und nach etwa 5 Minuten stehen wir plötzlich auf freiem Rasenplatze, direkt dem Bismarckschen Schlosse gegenüber und nur durch einen schmutzigen Teich von ihm getrennt. Das Gebäude sieht sehr anspruchslos aus, mit verschiedenen häßlichen Kaminen eigentlich eher wie ein Fabrikgebäude, denn ein fürstliches Palais.
Nun aber kam die Strafe: „n’No, n’No, n’No, n’No, n’No! Was soll denn do wer’n?“ erschallte eine Stimme aus der Nähe, und es erschien ein wütender Gärtner, der mit erhobenen Armen und einer Sense unserm Vordringen wehrte, unterstützt durch eine keifende Frau, welche die Hände über dem Kopf zusammenschlug. „„Ja, wo sind wir denn? Wem gehört das Haus?““ „Das ist den Fürst’n sein Palä; da darf kein Mensch hin!“ „„Aber wir sind doch durch eine offene Thüre ohne Verbottafel eingetreten.““ „Da haben natürlich diese ekligen Hamburger wieder die Tafel weggerissen.“
Wir wurden per Schub — unsrerseits in sehr vergnügter Stimmung — durch das nächste Thor „entleert“ und setzten unsern Rundgang weiter fort.
Auf der andern Seite der Eisenbahnlinie, auf waldiger Anhöhe dem Schloßgarten gegenüber, liegt das Mausoleum, in welchem die irdischen Ueberreste des Gewaltigen ruhen. Eine steile Böschung verhindert den Zutritt. Trotz überall angebrachter Verbote finden sich aber doch ausgetretene Wege, denen wir folgten, so daß uns auch die von einer kleinen romanischen Kirche überbaute Gruft zu Gesichte kam und sogar photographisch von uns fixiert werden konnte.
Ein halbstündiger Spaziergang durch herrlichen Eichwald — ein Stück des berühmten Sachsenwaldes — führte uns nach Station Aumühle, wo wir der heimatlichen Reminiscenz[1] und einer schönen Naturszenerie zuliebe in schattiger Veranda uns erfrischten, um dann mit dem nächsten Zuge nach Hamburg zurückzukehren.
Bismarck-Mausoleum.