Mädchen: Und er hat noch die weiten Reiche, die er unter dem Mikroskop sieht: Wunder über Wunder, Staunen ohne Ende! Ist das Leben nicht das allerherrlichste Märchen? Da siehst du in ein kleines, dünnes Rohr, nicht größer als dein Auge und drinnen, dahinter liegen plötzlich Welten, Reiche von Ungekanntem ... Und immer neues, immer wieder!
Weib: Wir aber, wir hätten nur die Liebe?
Mädchen: Der Mann sehnt sich auch nach Liebe.
Weib: Auch! Du sagst es. Aber wir sehnen uns nur nach Liebe. Hast du nicht Frauen beobachtet, die einen Beruf haben? Der Mann wird sein Lebensziel ernst nehmen, und Liebe wird ihm das Versüßende sein. Der Frau aber wird die Liebe ernst sein und der Beruf ein Tändelding. Ein Ding, das sie ihrer Erwartung wie eine Schürze vorhängt.
Mädchen: Wer lehrte dich so bittere Gedanken? War das Leben so schlimm mit dir?
Weib: Ich meine nur so. Es ist keine Bitterkeit darin. Vielleicht habe ich unrecht. Es quält mich nur manchmal in schlaflosen Nächten, das zu finden, was uns wirklich aus unserer inneren Natur heraus angepaßt wäre. Damit wir von dort aus unser Lebensziel fänden. Nicht was wir eben „auch“ leisten könnten, sondern was nur wir zu stande brächten.
Mädchen: Und wenn es die Liebe wäre!
Weib: Dann müssen wir sie eben zu unserem Lebenszweck erheben. Liebe zu allem Geborenen; zu allen Leidenden, Trostsuchenden. Dann soll es die Liebe sein, mit der wir den Ernst, den Schmerz der andern lindernd durchleuchten.
Mädchen: Es ist noch etwas. Ich finde die Worte nicht, aber ich trage es in mir.
Weib: Du Einfältig-Süße, die du die Erfahrene lehrst! Auch wir waren nicht ganz arm. Denn in uns liegen, dem Manne unbewußt, der Kräfte viele. Ohne Erworbenes zu sein, ruht es in uns. Und wir liegen, wie die Frucht im Mutterleib, geschützt im Schoße des Alls. Das ist das Uns-Eigene. Warum sollte nur herrlich sein, was der Mann sein Werk nennt.