Da der Begriff Klassenstreik so verschiedenerlei Eigenschaften, Ziele und Wirkungsweisen eines Ausstandes in sich schließt, so kann der Klassenstreik auch in einer großen Zahl von Variationen auftreten, unter denen man zwei Hauptarten zu unterscheiden pflegt: Generalstreik und politischer Massenstreik.

Der Generalstreik strebt im allgemeinen mehr nach quantitativem, der politische Massenstreik mehr nach qualitativem Umfang; ersterer begnügt sich unter Umständen mit lokaler, strebt aber meist nach internationaler Ausdehnung, letzterer tendiert in der Regel zu nationaler Ausdehnung.

Der Generalstreik neigt meist, doch nicht ausnahmslos (Friedeberg; Briand), zu gewaltsamen Formen; es soll ihm jeder gesetzliche Inhalt fehlen; er soll, insbesondere nach Ansicht der revolutionären Syndikalisten, "nicht mehr als Ausführung eines gesetzlich verbrieften Rechts, sondern ... als der Typus der revolutionären Tat" gelten (Lagardelle). Der politische Massenstreik hingegen fordert meist, aber ebenfalls nicht ausnahmslos (man denke an einige deutsche "Ultra-Radikale"!), nur eine friedliche Arbeitsverweigerung.

Der Generalstreik vertritt vorwiegend wirtschaftliche, antiparlamentarische, anarchistisch-revolutionäre mittelbare und unmittelbare Klassenziele, ohne doch politisch-parlamentarische Forderungen unter allen Umständen auszuschließen;[78] der politische Massenstreik kennt nur politisch-parlamentarische, also nur unmittelbare Klassenziele.

[78] Vgl. z. B. Briand, a. a. O. p. 6; Resolution der Kommissionsminderheit (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32); ebenda p. 7; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28-30; ähnlich die Allemanisten (vgl. Richard, Mouvement socialiste, 1899, I. p. 619 ff.); Congrès corporatif de Marseille 1892; Conféd. générale du travail (vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der "Wahrheit"); "Weckruf" (28. Mai 04, "Der Generalstreik").

Der Zweck des Generalstreiks besteht zum großen Teil in der Wirkung auf die Arbeiter selbst, der des politischen Massenstreiks fast ausschließlich in der Wirkung auf ihre Gegner.

Doch selbst diese hauptsächlichsten Unterscheidungspunkte ergeben keine feste Grenzlinie. Denn die Tatsachen der als Generalstreiks und der als politische Massenstreiks rubrizierten Unternehmungen und Projekte stehen sich oft außerordentlich nahe. Der einzige wirklich durchgreifende Unterschied zwischen Generalstreik und politischem Massenstreik besteht überhaupt nicht in objektiven Merkmalen, sondern in der subjektiv umschriebenen Stellung und Funktion des Klassenstreiks, in dem subjektiv ihm zugewiesenen Rang innerhalb der proletarischen Bewegung.

Ein Klassenstreik heißt nämlich Generalstreik, sobald er als "seule lutte qui soit digne de la classe ouvrière",[79] als das prinzipiell-proletarische, weil vom Parlamentarismus unabhängige[80] Hauptmittel aller und jeder proletarischen Betätigung auftritt (so bei den Anarchisten, revolutionären Syndikalisten).[81] Dabei beschränken sich die Ergänzungswaffen des Klassenkampfs teils nur auf die übrigen Mittel der "direkten Aktion", (also Boykott, Sabot, bewaffneter Widerstand),[82] unter ausdrücklichem Ausschluß des Streiks zu politischen Zwecken;[83] teils umfassen sie aber neben allem anderen auch die parlamentarische Tätigkeit und den Streik zu politischen Zwecken,[84] und sei es eventl. auch nur, damit bei der Anwendung des letzteren den Arbeitern die Bedeutung der Massenaktion und des eigentlichen Generalstreiks klar werde.[85]

[79] Léon Quatrehomme, ouvrier typographe (Enquête sur l'idée de patrie et la classe ouvrière, p. 337).

[80] Vgl. z. B. E. Th., "Der Parteitag von Jena"; Friedeberg, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 26, 27; Thesing, a. a. O.; Kautsky, "Maifeier und Generalstreik"; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 26, 28, 30, 71; Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 157; Umrath, a. a. O. p. 19, 20. Nicht nur die Idee des Generalstreiks sei "concetto genuinamento operaio, che la classe lavoratrice ha ricavato dall' esperienza della vita" (Labriola, "Riforme e Rivoluzione sociale", p. 211; ähnl. Briand, p. 4, 5; Kautsky, a. a. O.; derselbe, "Die soziale Revolution" I. p. 51), sei das Produkt "de la mentalité ouvrière elle même", entspreche einer "profonde intuition populaire" (Louis, p. 293 ff.), sondern auch die Anwendung stehe "en dehors de toute direction politique" (Richard, "Manuel socialiste", p. 78, 79).