Davon wußte er nichts, der Ungläubige. Und wir zogen gen Norden, und als wir durch das Tor seines Hauses traten, lagen vor uns Treppen, zu besteigen wie künstliche Gebirge aus Brettern. „Na, det is man scheene, dat Se sich bis her verstiegen han — — denken Se so wat, er is mir jestern dot in de Arme jeblieben! ...“ Und Peters gemütliche Wirtin drückte mich an ihren Busen, aus dem der dicke Atem jammerte. Und sie geleitete uns durch die Küche bis an Peters Kammertür, drückte diese behutsam auf und blickte zunächst vorsichtig durch die Spalte. „Nu kommen Se sachte rin!“ — — Und da lag der Peter wirklich in seinem Nest halb aufgerichtet: ein kranker grimmiger Geier. Der Kragen seines Mantels hing wie ein dunkler Fittich über dem Bettgestell, und einer der Füße, mit dem Stiefel angetan, scharrte ungeduldig an der senfgelben tapezierten Wand. Als er uns sah, war es, als ob er uns nach und nach erst erkannte, und er fuhr durch seinen Bart wie ein reißender Herbststurm. „Setzt euch, wenn ihr Platz findet, ihr Einbrecher, ihr Störenfriede, setzt euch!“ Aber nicht allein der Boden, sondern auch das tausendjährige Sofa waren begraben unter großen, gelben Papierflocken. Wir setzten uns auf das kleine Fensterbrett und stellten unsere Füße sündhaft auf die großen Säcke, die, wie wir später hörten, die Manuskripte der Dramen Peters enthielten. „Du, Peter, ich will dir den Doktor holen,“ sagte der Landsknecht besorgt. Oh, und das klang so lächerlich, und die dicke Wirtin hatte et ooch jewollt, „er will aber nich.“ „Der Doktor soll mir wohl Sonne oder Mairegen für meinen Katarrh verschreiben?“ Und Peter lächelte wieder wie Frühlingsanfang, und auf einmal begann er laut zu reden: „Heute abend muß ich noch ins Theater.“ Da fiel seine alte dicke Wirtin vor Schreck auf das tausendjährige Sofa. „Sie wollen im Thiater jehn, Sie?“ „Na gewiß,“ antwortete Peter und machte die Bewegung, aus dem Nest zu fliegen. In der Küche seufzte die Gute und meinte: „Na, so nötig hat er det Schreiben doch ooch nich, wo er bei uns is!“ Und sie brachte ihm zur Fürsorge die dampfende Hafergrütze und zwei Schmalzstullen ins Zimmer. Und dann sich vor uns entschuldigend, sagte sie: „Er ist so reene wie eene Jungfer, ick seh schon, wie se ihm später in de Kirche uffbahren als Heiligen.“

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Es war ein kalter Nachmittag; der Mond blähte sich auf zwischen seinen Sternen wie ein goldener Bauch, ein wohlbeleibter Dukatenmillionär. Peter und ich wanderten wohl schon stundenlang durch die Straßen Berlins, durch die Bleiluftgegenden mit den kahlen, grauen Häusern, in denen der Hunger mit seinen tausenden Kindern wohnt. Und über dieser Gegend spazierte behaglich durch das weite Land der Wolken der fette Mond, der satt an Gold getrunkene Mond. „Aber, Tino, ich wußte ja gar nicht, daß du ein kleiner Bebel bist.“ „Ja, ich denke an die armen, blassen Kinder, die nie in die Sonne sehen, und an dich, Peter, an dich, dem die Welt ihr jubelndstes, tiefstes Spiel schenkte und das Leben eine Stiefmutter ist.“ „O du Fromme,“ sagte Peter leise zu mir. Nach einer Weile blieb er unter einer Laterne stehen, nahm ein kleines schwarzes Heftchen aus der großen Manteltasche und schrieb.

Das tat er oft, und ich ging gemächlich des Weges weiter.

Wir kamen über einen großen Platz. Vielleicht gaben die schloßartigen Bauten mit den gegossenen Toren, die eisernen Hüter der königlichen Gärten, Peter den Anlaß, mir zu erzählen, daß sein Vater der Fürst S. aus Westfalen sei und seine Mutter eine Leibeigene. Ich war gar nicht verwundert darüber, als ich seine schlanken Hände betrachtete.

„Meine Mutter“, erzählte er weiter, „war eine stille, blasse Frau. Ich kann mich kaum an den Ton ihrer Stimme erinnern; aber als ich meine ‚Brautseele‘ dichtete, hörte ich ihr Blut aus meinem Herzen singen, sanft und dann sehnsuchtswild, wie eine einsame Spätherbstblume.“ Wir schwiegen beide lange Zeit, über Erinnerungen wandelnd, bis es Abend läutete und die Glocken uns erweckten.

Wir fragten einen Mann, der an uns vorübereilte: „Wie kommen wir aus dem Tiergarten wieder auf die Straße?“

Und wir bogen und wendeten uns, bis wir glücklich den Weg wiederfanden. „Sieh, Tino, hier tief im Dickicht habe ich Wochen zugebracht und Dunkelheiten getrunken! Oh, das waren einzige Gottnächte!“

Aber ich sah schmerzlich auf seine eingefallenen Wangen.

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