Arme Kinder reicher Leute

Der kleinen Hedwig Grieger

Und wo die ganze Erde im grünen Lachen steht und ein großer Spielplatz ist, fallen mir die vielen lieblichen Kindergesichtchen um so schmerzlicher auf, die da weinen im Sonnenschein. Ihre Löckchen flattern zwar lustig aus den feinen Spitzenhäubchen hervor, und viele von den Kleinen stecken in seidenen Tanzkleidchen. Aber sie dürfen sich an der Hand ihrer Begleiterinnen nicht recht freuen, und ihre runden Herzchen möchten hüpfen. Baby hat ein Knöpfchen von seinem Schuh abgerissen, es hat sich so gelangweilt — aber Detta muß ihn am Abend wieder annähen, dafür gibt’s eine Saftige. Auf dieselbe Bank setzt sich ein sogenanntes Fräulein, allerdings, sie trägt einen Federhut und hat die Allüren ihrer Dame abgesehen ... Sie rückt, den Abstand zwischen ihrer Person und ihren dienenden Kolleginnen zu wahren, vorsichtig an das äußerste Ende der Bank. Wie schon angedeutet, ist sie nicht aus der Gattung der gemeinen Kuhblume (s. Caltha), sie straft gebildeter. Mit einem Roman von Emile Zola schlägt sie ihre kleine Schutzbefohlene auf den Mund, auf die weißen Zuckerzähnchen. Und nur selten rügen Vorübergehende die brutale Eigenmächtigkeit dieser Donnas.

Lottchen wird über die Straße geschleift, es ist so heiß, seine zweijährigen Beinchen können nicht mehr ausschreiten. „Ick soll dir woll tragen, olle Pute.“ Keine der Mütter erbarmt sich seiner, und nur einige Mädchen mit der Schulmappe am Arm oder dem Ranzen auf dem Rücken bleiben entrüstet stehen und versuchen, die Kleine von der Hand ihrer Peinigerin zu befreien, die aber schlägt kreischend um sich — ein Volksauflauf entsteht und nimmt sich der armen dienenden Person an — ich und meine kleinen Verbündeten sind das Gespötte der Straße.

Am Nachmittag begegnen mir die tapferen Schulmädchen wieder, sie führen ihre kleinsten Geschwister spazieren und tummeln sich mit ihnen über die Wiesen; wie zärtlich sie mit den langen Zöpfen ihrem Brüderchen die Patschklatschhändchen und das bestaubte Gesichtchen säubert! Und welche Wonne, durch den kühlen Wiesenbach zu waten! Viele von ihnen brauchen nicht erst ihre Füße entblößen — heirassassa wie das Wasser aufspritzt. „Daß nur nicht die neuen Kleider naß werden!“ erinnert die Älteste mit den langen Zöpfen. Sie steht noch im Pflichtgefühl zur Puppe. Vierzehn Jahre wird sie nächsten Monat; „ich komme“, erzählt sie mir, „in den Dienst nach der Einsegnung.“ Sie hat keine Erfahrungen gemacht, und was sie von Hörensagen getrübt weiß, ist noch zu verwischen. Ich habe immer solch eine Puppenmutter bei meinem Bengel, für seine sechs Jahre weiß er genug Streiche, ich lache ob seiner Ausgelassenheit, die auch von seiner Kameradin ungezüchtigt bleibt. Sie balgen sich und springen miteinander über die Wege, mutwillige Ziegenböcke. Aber auch besonnen kann seine junge Begleiterin sein. Auf jeden Fall befolgt sie noch schulgewohnt meine Worte und streikt nicht heimlich wie manche ausgewachsene Personen, die schon aus Oppositionslust das Gegenteil ausführen.

Ja, diese Allzufreien. Arm machen sie manchmal die Kinder der reichen Leute mit ihren gehässigen Launen und niederen Liebeleien. Allerdings gibt es auch noch musterhafte Pädagoginnen unter den Kindermädchen oder „Fräuleins“ — ich meine nicht solche, die unter jeden Schritt des Kindes ein Rechenexempel oder ein Abc legen, nein, ich meine jene, die zu spielen verstehen, und die müßten doppelt besoldet werden — welche ungeheuren Summen werden für den Magen ausgegeben, warum nicht für die Seele seines Kindes? Nichts fordert Technik in solch feinem Maße wie die Kunst des Kindes, „das Spiel“ — die bunten Gedanken zu drehen im Krausköpfchen, wie in einem Kaleidoskop. Ja, es gibt vortreffliche „Bonnen“, besorgte und doch heitere Freundinnen der Kinder. Aber wäre es nicht ratsam, weibliche Detektivs anzustellen, verheiratete Frauen, die die Überschreitungen der — minder Trefflichen draußen auf den Wegen beurteilen könnten? Mütter und Väter, sucht einmal euer Kind draußen in der sorglosen Natur statt nur im Spielzimmer auf, dort werdet ihr die Hüterinnen eurer Kleinen ungeschminkt kennen lernen.

Am Kurfürstendamm

Was mich im vorigen Winter traurig machte

Georg Fuchs in Freundschaft

Blumen werden bald blühen an beiden Seiten des Reitwegs am Kurfürstendamm. Wenn die lieblichen Reiterinnen an all dem Duft vorbeigaloppieren werden, dann ist es zu spät, ihnen zu sagen, daß die buntlachende Allee gesprengt wurde mit Schweiß und Blut Peitschender und Gepeitschter. Die Pferde vornehmer Landauer tanzen, ihre schwarzen Augen zünden vor Leuchten. Ich beginne sie mit ihren geplagten, wiehernden Brüdern zu beneiden. Die können nicht weiter durch den Hügel an Hügel aufgeworfenen Erdboden; ihre Hufe mußten sich selbst den Schmerzensweg bereiten. Da gibt es kein Pardon! Auch kein Mitleid der Spaziergänger, niemand will was mit den Fuhrleuten zu schaffen haben; in den neumodischen, wogenden Busen der Damen pocht kein Herz. Sie verhindern sogar ihre Männer, sich in Straßenangelegenheiten zu mischen. Manchmal stellen sich Kinder auf zur rechten und linken Seite des Dammes. Für sie ist es eine Unterhaltung, ein wirklicher Kientopp. Heute besah sich ein Schutzmann den unerhörten Vorgang. Aus einem Bäckerladen schickte eine Käuferin für die Pferde alte Semmeln. Ich sah über dem Gesicht des uniformierten Mannes eine kräftige Freude marschieren. Und ich bat ihn, ob er nicht eingreifen wollte. Er erklärte mir, die Fuhrleute sind nicht so schlimm wie ihre Brotgeber. Weigert sich einer der Angestellten, wegen der nicht genügenden Anzahl Pferde an seinem Karren loszufahren, verliert er seine zwanzig Mark per Woche. „Da lauern schon immer genug Brotlose vor der Türe.“ Für die zwanzig Mark. — Sie leben, sie peitschen, sie fluchen dafür. Ihre Roheit besteht das Examen. „Dämlich Vieh, windelweich hau ick dir, faulet Luder!“ Die Wut rinnt den Unmenschen über die Backen, den entblößten Hals hinab. Die Rücken der Tiere bluten vor Hieben. Wie sollen sie es anders machen? Verteidigt sie der Schutzmann. Denn es dauern ihn die Treiber ebenso wie die Pferde. Die Treiber, die nur zwanzig Mark verdienen pro Woche und sich so plagen müssen mit dem Vieh. „Es ist doch mal Vieh, es ist doch zum Ziehen da!“ Ein paar Bürger stimmen ein in den bequemen Sang. Röhren sollen gelegt werden zum Ablauf des Wassers. Die Blumen, die bald auf beiden Seiten der Allee wachsen, müssen bewässert werden. Gibt es denn keine Maschinen, die die Erde schließlich aufwälzen können? meint ein sechsjähriger kleiner altkluger Ingenieur. Er hält auch eine Maschine im kleinen aus einem Spielwarengeschäft in der Hand. Die Männer toben. Wilde Australneger sind Engel dagegen mit ihrem Schlachtgeschrei. Ich aber fühle ebenfalls die schwere Schuld, die die Besitzer dieser Fuhrunternehmen trifft. Vorwurfsvoll schielen seine Knechte über die gefräßigen Pferde auf uns: Sie hätten selbst Hunger. Endlich aber entschließen sie sich, nach all den vergeblichen Peitschenhieben, die Pferde umzuspannen. Zu sechsen geht es doch besser über die holprige Strecke. „Ich hab das gleich gedacht,“ gesteht der Schutzmann. „Aber sagen Sie mal was zu den Leuten!“ Wenn die lieblichen Reiterinnen im Sommer auf ihren verwöhnten Schimmeln durch die Allee des Kurfürstendamms reiten, wird der Geranium zu ihren Seiten rot wie die vergossenen Blutstropfen der armen Pferde blühen. Sie hatten alle traurige Augen und ließen die Köpfe hängen.