Schwester Emmi sieht an der Hafenuhr, daß sie länger als eine halbe Stunde beim Kapitän war. Ihr Herz ist so angefüllt, daß sie es irgendwo ausschütten muß. Für dieses Geschenk ist am besten Irmgard Pohl geeignet; die hört sich alles schweigend an, ohne gleich von sich selbst zu sprechen — wie Frau Reiche oder Herr Gregor —, und dann findet sie sogar noch einige ruhige Worte, die man mit nach Hause nehmen kann. So geht sie wieder zum »feindlichen« Nachbarn hinüber.
Schiffer Jensen und Karle Töndern starren zu den Fenstern der Kapitänswohnung hinauf, denn ihre Köpfe sind mit diesem Problem noch nicht fertig geworden. Sie stammen beide von der Wasserkante, und da dauert es immer eine Weile, bis sie etwas zu Ende gedacht haben.
Plötzlich senken sie ihre Blicke sehr interessiert auf ihre Selterflaschen, denn oben — an einem Fenster — ist der Kapitän erschienen.
Er hat nur das Fenster geschlossen. Das an diesem milden und schönen Sommerabend!
Die beiden haben ihrer neugierigen Blicke wegen kein ganz reines Gewissen, aber sie denken: Wir werden wohl hier sitzen dürfen! Schließlich ist die Kantine doch für uns da!
Wie sie sich noch damit beschäftigen, vernehmen sie etwas Merkwürdiges: langgezogene Töne, wie ferne Musik.
»Hörst du das auch?« fragt Karle Töndern.
»Ja, freilich hör' ich das«, sagt Schiffer Jensen etwas ungeduldig. Er muß plötzlich an seine Frau denken, die immer noch im Krankenhaus liegt und die nächste Fahrt wieder nicht mitmachen kann.
»Es ist eine Violine, mein' ich«, sagt Karle Töndern.
»Ja, das mag sein«, erwidert Schiffer Jensen. Ihm wird immer wehmütiger ums Herz. Daran ist nur die verdammte traurige Musik schuld. Nun liegt der Tom wieder allein in der Kabuse. Aber weggeben? Da soll die Schwester sich nur ja keine Mühe machen. Diese blauen Augen, die in Toms Gesicht stecken, gibt es nur noch einmal in der Welt, und die hat Toms Mutter. Und wenn Schiffer Jensens Frau im Krankenhaus liegt, dann muß Schiffer Jensens Tom immer auf dem Kahn bleiben, denn ohne diesen blonden Schopf läßt sich der Kahn von keinem Schlepper ziehen. Das ist so gewiß, wie Schiffer Jensen jetzt hier sitzt und mit dem Ärmel über die Augen wischt.