„Ihr künftiger Beruf wird Sie an manches Totenbett führen und oft werden Sie bitter empfinden, wie schwach die Hilfe des Arztes ist, wenn er verzweifelt nach Mitteln sucht, und wie armselig ihm seine Wissenschaft vorkommt, wenn er in brechende Augen sieht, ohne Rettung bringen zu können. Werden Sie das ertragen, Orla, wird das nicht zu viel sein für ein zartes Weib?“

Es war zum ersten Male, daß er sie beim Vornamen nannte. Flüsternd und schnell hatte er gesprochen und fast flehend hatte seine letzte Frage geklungen. Sie antwortete ihm nicht darauf, – hatte er nicht recht und war es nicht gewagt für ein Weib, von Natur die Schwächere, von ihrem Körper abhängig, daß sie glaubte, sich an die Seite ernster Männer zu stellen, wie sie ringen und kämpfen zu können, um der leidenden Menschheit zu helfen? Zum [pg 210]ersten Male am Bett dieses Toten war ihr der Gedanke gekommen, daß es schwer sein müßte und daß das Gemüt einer Frau sich wohl nie daran gewöhnen würde, dem unerbittlichen Tod so oft ins starre Antlitz zu blicken. Es waren also ihre eigenen Gedanken gewesen, welchen der junge Arzt Worte verliehen hatte. Wie deutlich verstand er in ihrer Seele zu lesen!

Die Türe wurde jetzt geräuschlos geöffnet, und ein Luftzug drang durch das Fenster, der die Gardinen bewegt, und das junge Paar streifte. Flora mit Ilse und Nellie traten ein, letztere im Hut und Mantel, da sie im Begriff war fortzugehen. Die junge Witwe schien um Jahre gealtert, ihre Augen waren tief eingesunken und ihr Gesicht aschgrau. Unheimlich starren Blickes sah sie auf ihren Mann, wie gebrochen sank sie auf dem Stuhl am Bette nieder und legte den Kopf auf ihre Arme, welche krampfhaft die Stuhllehne umklammerten. Ilse unterdrückte mit Mühe ein lautes Schluchzen, sie hatte noch nie eine Leiche gesehen und mußte ihre zitternde Gestalt fest auf Nellies Arm stützen, als sie nun ängstlich in das regungslose Antlitz schaute, das vor ihr in den weißen Kissen lag. In heiliger Scheu und Andacht umstanden sie alle das Lager des Geschiedenen, nichts unterbrach die feierliche Stille des Sterbezimmers. Plötzlich ertönte draußen eine weinende Kinderstimme, man hörte trippelnde Füßchen über den Vorplatz eilen; im nächsten Moment schnellte die Türklinke auf, und die kleine Käthe kam ins Zimmer gelaufen. Einen Augenblick staunte sie die tiefernsten Gesichter an und sah verwundert von einem zum andern, dann erblickte sie ihren Papa in seinem Bett, und durch die hellen Tränen schimmerte in ihren Augen ein glückseliges Lächeln.

„Lieber, lieber Papa, nun bin ich wieder bei dir und gehe nicht mehr fort,“ sagte sie zärtlich.

Orla trat zu der Kleinen und wollte sie fortführen, [pg 211]sie klammerte sich aber an das Bett und fing jämmerlich an zu weinen.

„Nein, ich will hier bleiben,“ rief sie und fragte dann:

„Schläfst du denn noch, lieber Papa? Bitte, bitte, wache doch auf, ich will dir ja guten Morgen sagen. Aber Papa, so höre mich doch!“ drängte sie endlich ungeduldig, und als sie keine Antwort erhielt, stellte sie sich auf die Fußspitzen und sah ihm ins Gesicht. Und wieder rief sie ihn schmeichelnd, und ihre kleinen Finger strichen liebkosend über seine erstarrten Hände. Aber schaudernd fuhr sie zurück, und wie eine unbewußte Ahnung überflog es ihre kindlichen Züge.

„Papa, Papa!“ schrie sie laut, „warum bist du denn so kalt, lieber Papa, warum wachst du nicht auf?“ Furchtsam wich sie von ihm zurück, ihre großen angstvollen Augen fortwährend auf das bleiche Antlitz gerichtet.

Nun trat Andres zu dem Kind und wollte es fortbringen; in demselben Augenblick sah Flora wie aus einem Traum erwachend um sich, und als sie das kleine, hilflose Geschöpf jammernd und klagend am Bette seines Vaters erblickte, da sprang sie auf und fiel mit einem lauten Schrei vor ihm nieder, drückte es heftig an sich, und ein heißer Tränenstrom erleichterte die Qualen ihres Herzens. Mit einem Male schien die Liebe für die kleine Waise in ihr erwacht zu sein und sie bedeckte ihr Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen. Aber für Käthchen waren Zärtlichkeiten ihrer Mutter etwas ganz Fremdes und sie entwand sich deshalb schnell ihrer Umarmung.

„Laß mich, ich will zu meinem Papa!“ rief sie und blickte Flora feindselig an. „Ich mag dich nicht, ich habe nur meinen Papa lieb,“ setzte sie noch hinzu, ohne das geringste Mitleid für die schluchzende Gestalt, die auf dem Boden kniete und die Hände rang. Erbarmungslos sprach der Kindermund sein Urteil aus.