Wie erschien ihr dagegen das Benehmen Rosis? Stieß nicht ihre Herrschsucht auf das unangenehmste ab? Sah Rosi denn nicht ein, daß sie ihren Gatten in den Augen andrer lächerlich machte, wenn sie den ihr gegenüber viel zu gutmütigen Mann dazu zwang, sich ihrem Willen zu fügen? Ilse verabscheute solches Wesen bei einer Frau, aber – so mußte sie sich eingestehen – war sie nicht auf dem besten Wege gewesen, wie jene zu werden?

Und wie unwürdig erst war ihr Floras Ehe vorgekommen! Sie hatte stets Mitleid für den armen Mann und das kleine Mädchen empfunden und war über Flora empört gewesen, die über ihre verschrobenen Ideen das Wichtigste vergaß. Ja, Ilse vermochte gut zu unterscheiden, ob eine Frau ihren Mann glücklich machte, sie hätte auch Rosi und Flora sagen können: so und so dürft ihr nicht handeln, wenn ihr eure Männer zufrieden sehen wollt. Warum gab sie diese guten Lehren nicht sich selbst, warum hatte sie sich nicht längst eingestanden, daß auch sie ihren Bräutigam durch ihren Eigensinn und Trotz betrüben mußte? Und verdiente er nicht volles ungestörtes Glück, da er ihr doch die beste, reinste Liebe gab? Und mußte er nicht in ihrer Achtung dadurch steigen, daß er sich einer kindlichen Laune von ihr nicht beugen wollte?

Diese Gedanken, welche auf Ilse nach dem traurigen Ereignis einstürmten, verfolgten sie wie böse Geister mit den bittersten Vorwürfen, den selbstquälerischsten Anklagen, sie fand keine Ruhe mehr und ging wie im Traume umher.

* * *

Doktor Gerber war in die Erde gesenkt worden, und der jungen Witwe wurde die lebhafteste Teilnahme entgegengebracht. Der Tod des allgemein geachteten und beliebten Mannes hatte überall großen Anteil erweckt, man beklagte Flora, bedauerte das vaterlose Kind. So jung und schon Witwe, das war ein harter Schlag für die arme Frau! Flora machte auch in den schwarzen Trauerkleidern, die das farblose Gesicht noch blasser erscheinen ließen, einen bedauernswerten Eindruck; müde und matt war ihre Haltung, die umränderten Augen blickten trübe und glanzlos. Sofort nach Empfang der Unglücksbotschaft waren ihre Eltern eingetroffen, und nun sollte sie mit dem Kinde wieder ins Elternhaus zurückkehren. Sie ließ alles über sich ergehen, fügte sich allem, was bestimmt wurde, und war vollständig haltlos geworden. Käthchen verlangte immer noch weinend nach ihrem Papa und fragte, ob er nicht bald wiederkäme, ob sie nicht zu ihm dürfe. Als man ihr sagte, daß der Papa im Himmel bei den lieben Engeln sei und sie ihn nicht sehen könne, beruhigte sich das gläubige Kindergemüt dabei. Aber die traurigen Gesichter um sie her machten sie niedergeschlagen, ihre großen Augen blickten sehnsüchtig und trübe, und um den kleinen Mund lagerte ein fast strenger Ernst. Flora wich sie noch immer ängstlich aus, nur der Großmutter war es gelungen, sie zutraulicher zu machen.

Unter heißen Tränen hatte die junge Frau von den Freundinnen Abschied genommen, ihr Schmerz brach dabei in seiner ganzen Heftigkeit wieder hervor. Die Unglückliche war nicht wiederzuerkennen; es schien, als hätte sie der furchtbare Schlag ganz umgewandelt. Ilse konnte das schmerzvolle Antlitz der Freundin nicht aus ihrem Gedächtnis verscheuchen, es stand ihr wie eine drohende Mahnung vor Augen und schien ihr zuzurufen: „Kehre um, ehe es zu spät ist!“

Den Freunden fiel ihr seltsam nachdenkliches Wesen [pg 216]wohl auf, und Nellie erriet, was in ihr vorging, aber sie fragte nicht, sie wollte, daß Ilse von selbst sagen sollte, was ihr Herz bewegte. –

Es war nur noch kurze Zeit bis zum Weihnachtsfest, als Ilse eines Abends in ihrem Stübchen saß und in ihrer Schreibmappe blätterte. Sie suchte den Brief, den sie in jener Nacht nach der Schlittenpartie an Leo geschrieben hatte. Er war nicht abgeschickt worden. Sie hatte ihn oft in den Händen gehabt und ihn immer wieder beiseite gelegt, ohne zu einem Entschluß zu kommen. Heute las sie ihn nochmals durch und zerriß ihn dann in kleine Stückchen, die sie im Ofen verbrannte. Nein, was sie dem Geliebten sagen wollte, sagen mußte, das konnte sie dem Papier nicht anvertrauen. Steif und gezwungen kamen ihr die Worte vor, die sie damals geschrieben hatte, ganz anders standen sie heute in ihrem Herzen geschrieben, das ihr Tag und Nacht keine Ruhe ließ vor heißer Sehnsucht nach Leo.

Er hatte sich – das wußte sie – bis Weihnachten Urlaub genommen, und Nellie erwähnte heute wie zufällig, daß er bereits zurückgekehrt sei. Da hatten ihre Augen aufgeleuchtet, und sie hatte geheimnisvoll gelächelt, als würde sie von etwas Freudigem bewegt. Und so war es auch! Als sie hörte, er sei wieder daheim, stand es in ihr fest, daß sie Weihnachten nicht ohne ihn verleben wollte. Sie konnte es kaum erwarten, bis sie sich zurückziehen durfte, denn heute abend wollte sie ihren Entschluß den Eltern mitteilen. Ein frohes Lächeln überflog ihre Züge bei dem Gedanken, daß sie die Lieben nun bald wiedersehen sollte, und sie schrieb einen langen, ausführlichen Brief an die Eltern.

„In wenigen Tagen bin ich wieder bei euch,“ hieß es zum Schluß, „aber verratet niemand meine Rückkehr, am wenigsten Leo.“ Die letzten Worte unterstrich sie zweimal.