Er beugte sich ganz nahe zu ihr hin, und sagte in zärtlichem Ton: „Wollen Sie meine Doktorin werden?“
Jetzt blickte sie zu ihm auf, und in ihren Augen las er ein stummes Ja.
Im überschwänglichen Glücksgefühl umfaßte er ihre schlanke Gestalt und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.
„Geliebte,“ flüsterte er innig, „bist du ebenso glücklich wie ich? Sage es mir.“
„Ich kann nicht glücklicher sein,“ gab sie leise zur Antwort, und ihr schönes Antlitz strahlte in bräutlicher Seligkeit.
Er hatte ihren Arm in den seinigen gelegt und hielt ihre Hand fest umschlossen. So gingen sie weiter auf dem schmalen Wege zwischen den beiden Schneewänden. Wer könnte die ersten Stunden beschreiben, die auf das beseligende Geständnis der Liebe folgen? die scheue Zurückhaltung der Braut schildern, die noch so schüchterne Leidenschaft des Bräutigams, die ernsten und doch so heiteren Gedanken, welche die Brust der Glücklichen wie Frühlingswehen durchziehen und sie still und schweigsam machen? Ein inniger Händedruck, ein Blick in die geliebten Augen, sie sind beredter als tausend Worte. –
Und so schritt auch unser Paar in stummer Glückseligkeit dahin. Über ihnen heulte der Wind in den Bäumen, die alten ehrwürdigen Wipfel mußten es sich gefallen lassen, daß er mit ihnen sein Spiel trieb, laut ächzend beugten sie sich seiner Macht und schüttelten unwillig den Schnee von ihren Häuptern, den beiden gerade ins Gesicht. Aber sie achteten der winterlichen Schauer nicht, in ihren Herzen war es licht und sonnig, und das Blut wallte ungestüm durch die Adern, so daß Orla oft tief aufatmen mußte und schließlich ihr Jäckchen öffnete, weil es so erdrückend heiß wäre, wie sie sagte. –
Die Dunkelheit war hereingebrochen, als sie in die erleuchteten Straßen einbogen. Orla drängte es nach Hause zu kommen. Sie ging durch eine kleine Seitengasse, welche den Weg bedeutend abkürzte. Andres hätte gern noch den weitesten Umweg durch die Stadt gemacht, aber sie meinte, Nellie und Ilse, die gewiß längst zu Hause wären, würden sich sehr wundern, daß sie noch nicht daheim sei. Er brachte sie bis vor Althoffs Haus. An der Gartenpforte blieb Orla stehen und streckte ihm die Hand entgegen.
„Soll ich nicht mit hinaufgehen?“ fragte er erstaunt, „wollen wir den Freunden nicht unser Glück mitteilen?“
„Jetzt nicht, noch nicht, Liebster, ich muß erst mit mir allein sein, und mich zu fassen suchen. Morgen, dann wollen wir es den Freunden sagen.“