Mit nervöser Unruhe zog er die Uhr aus der Tasche.
„Es ist sieben Uhr,“ sagte er zu seiner Frau.
„Da muß Ilse ja jeden Augenblick kommen,“ fiel sie ihm ins Wort, „zum Abendessen ist sie, ohne Bescheid gegeben zu haben, noch nie ausgeblieben.“
„Ist das Abendessen bereit?“ fragte sie das Hausmädchen, das ihr diensteifrig den nassen Mantel abgenommen hatte.
„Ja, gnädige Frau, es ist alles fertig.“
Sie bat ihren Mann und Leo, im Eßzimmer auf sie zu warten, da sie nur noch nach dem Kinde sehen wolle.
Eine behagliche Wärme strömte den beiden Männern entgegen, als sie das Zimmer betraten. Das laut knisternde Holzfeuer in dem altertümlichen Kachelofen, das helle Licht, welches die große Hängelampe ausstrahlte, und der einladend gedeckte Tisch, die ganze stimmungsvolle Behaglichkeit, welche in dem Raume herrschte, vermochte indessen heute nicht den gewohnten Eindruck auf die beiden hervorzubringen. Herr Macket durchmaß das große Zimmer fortwährend von einem Ende zum andern mit großen Schritten, und sein Blick schweifte jedesmal, so oft er vorbeiging, zu der alten Standuhr hinüber, die schon von seinen Urgroßeltern herstammte und ein wertvolles Familienstück war. Gleichmäßig rückte der Zeiger vorwärts, einförmig tickte der große Pendel. „Schon ½8 Uhr,“ murmelte der besorgte Vater, als das Schlagwerk jetzt zu einem lauten Ton aushob, der melodisch verhallte.
Leo hatte sich an das Fenster gesetzt und sah stumm hinaus. „Wo bleibt nur Ilse,“ dachte auch er jetzt; es kam ihm seltsam vor, daß sie noch immer nicht da war. Sie hatte ihn so aufgeregt verlassen diesen Mittag, so zornig, wie er sie nie gesehen. Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit fortgelaufen sein, des Wegs vielleicht nicht geachtet und sich deshalb verirrt haben? Er kannte ihre Furchtsamkeit, wie würde sie sich ängstigen, wenn sie wirklich den richtigen [pg 36]Weg verfehlt hatte! Dieser Gedanke verscheuchte allen Groll in seinem Herzen, er dachte nur noch daran, daß seine Braut jetzt vielleicht seines Schutzes, seiner Hilfe bedurfte, konnte er sie da verlassen? Er sprang auf.
„Papa,“ wandte er sich an seinen Schwiegervater, „ich will noch einmal fortgehen. Vielleicht hat sich Ilse verirrt, ich kenne ja ihre Lieblingswege, sicher ist sie zu weit gegangen und kann nicht wieder zurückfinden.“
Nichts war Herrn Macket erwünschter, und mit Freuden gab er seine Zustimmung zu diesem Entschluß.