„Richard,“ sagte sie und ein leiser Vorwurf klang aus ihren Worten, „heute abend hast du zum erstenmal vergessen, unsrem Liebling gute Nacht zu sagen. Er war so herzig, so drollig, der kleine Kerl, als ich ihn zu Bette brachte.“
„Ja, wahrhaftig, das habe ich vergessen,“ rief er und sprang auf, „aber ich gehe jetzt noch zu ihm; schläft er denn schon?“
„O, schon lange! Wecke mir das Kind nur nicht auf!“ rief sie ihm noch nach, als er aus der Türe ging.
Frau Anne war es unerklärlich, warum Ilse nicht kam, warum sie gerade heute, wo Leo da war, ausblieb. [pg 38]Und auch dieser kam nicht wieder! Jetzt konnte er doch längst zurück sein. Gewiß hatte er Ilse nicht gefunden. Sie war froh, als sie bald darauf die Haustüre gehen und gleich danach Leos energischen Schritt die Treppe herauf kommen hörte. Rasch ging sie ihm entgegen. Er stand gerade auf dem Vorplatz und hing seinen regentriefenden Überzieher auf.
Auch Herr Macket hatte ihn kommen hören und war herbeigeeilt. „Hast du Ilse nicht gefunden?“ fragte er bestürzt.
„Nein,“ gab Leo kurz zur Antwort, und seine Stimme klang unsicher und erregt.
„Laßt uns ins Zimmer gehen,“ drängte Frau Anne, denn sie bemerkte, daß oben auf der Treppe die Dienstboten neugierig die Köpfe zusammensteckten. Sie gingen hinein, und Herr Macket überschüttete Leo, der sich erschöpft in einen Stuhl fallen ließ, mit ungeduldigen Fragen.
„Überall bin ich gewesen, Papa, überall habe ich nach Ilse gefragt, niemand hat sie gesehen.“
„Wo bist du gewesen?“ forschte der geängstigte Vater weiter.
„Beim Pastor, in der Mühle –“