„Laß nur, Anne,“ wehrte er jetzt ab, „ich will den Knechten selbst Bescheid sagen.“ Mit diesen Worten erhob er sich und verließ das Zimmer.
„Leo,“ sagte Frau Anne, indem sie zu ihm trat, „ich ängstige mich sehr und will nur dem Papa meine Angst nicht zeigen. Was kann Ilse zugestoßen sein? Wenn ihr nur kein Unglück begegnet ist! Ich kann es nicht begreifen, daß sie noch nicht da ist.“
Schweigend hörte Leo sie an, auch ihn hatte die Angst erfaßt, und in seinem Innern bestand er jetzt einen harten Kampf; er fühlte wohl, daß es seine Pflicht war, den Streit, welchen er mit Ilse gehabt, zu erwähnen, und doch konnte er sich nicht dazu entschließen. Er hatte seine Braut wiederholt gebeten, wenn sie in ihrer Offenheit und Heftigkeit die kleinen Mißverständnisse, ohne die es zwischen ihnen nicht immer abging, den Eltern ausgeplaudert hatte, dies künftig zu unterlassen, – und nun sollte er selbst erzählen, daß sie sich gezankt hatten? Nein, das widerstrebte ihm, das wollte er nicht!
Frau Anne beobachtete ihn stillschweigend, ihr scharfes Auge hatte in seinen bewegten Mienen gelesen, und es war klar in ihr, daß zwischen den Brautleuten etwas vorgefallen sein mußte. Aber sie fragte nicht und sagte nichts, ihr feinfühlender Sinn verstand die peinliche Lage, in der sich Leo jetzt befand.
Leise summte der kupferne Teekessel, der auf dem Büffet stand, sein eintöniges Lied, als Frau Anne jetzt herantrat und ihn von der Spiritusflamme herunter nahm.
„Willst du nicht etwas essen, Leo?“ fragte sie.
„Danke, Mama!“
„So trinke wenigstens eine Tasse Tee,“ bat sie und goß das kochende Wasser in die Teekanne.
„Danke, Mama,“ erwiderte er ebenso kurz und schnell wie vorhin. Dann starrte er wieder unbeweglich in die [pg 41]Dunkelheit hinaus, die so undurchdringlich war wie das Dunkel, welches Ilses Verschwinden umgab. Heulend tobte der Sturm um das Haus, man hörte das Ächzen der schwankenden Bäume und den strömenden Regen, der klatschend niederschlug. Das Unwetter trug dazu bei, Leos beklommenes Herz noch schwerer zu machen. Diese Ungewißheit über das Ausbleiben seiner Braut ertrug er nicht länger, es wurde ihm zu heiß, zu eng hier, und er sprang so heftig empor, daß der Stuhl, auf dem er gesessen, mit lautem Gepolter zurückflog.
„Es ist erdrückend schwül hier, findest du nicht auch, Mama?“ und ungestüm riß er das Fenster auf, daß ihm der Regen kalt in das erhitzte Gesicht schlug.