„Nun ist es aber genug, Flora!“ rief sie heftig, doch weiter kam sie auch diesmal nicht, denn die Türe wurde geöffnet, die intelligente Dienstmagd erschien und meldete, Herr Referendar Lüders wünsche Frau Doktor zu sprechen.
Flora schnellte wie elektrisiert empor.
„Wie furchtbar fatal, – Herr Lüders und ich noch in Morgentoilette. Aber, er ist ja unser Hausfreund. Ich könnte mich schon so vor ihm zeigen.“
Sie trat vor den Spiegel und besah sich musternd, aber nicht ohne Wohlgefallen.
„Was meint ihr?“ fragte sie, „kann ich ihn so empfangen?“
„Ich meine nicht,“ antwortete Ilse in ihrer gewöhnlichen Offenheit. „Es ist doch schon Mittag jetzt, und dann, denke ich, darf man im Morgenrock überhaupt keine Herren empfangen.“
„So denkt man wohl bei euch auf dem Lande,“ entgegnete Flora gereizt, indem sie Ilse über ihre Schultern hinweg einen mitleidigen Blick zuwarf. „Ich muß gestehen, das nenne ich enge Ansichten. Hätte ich nur meine hochelegante Matinee an, dann natürlich würde ich Herrn Lüders sofort empfangen. Sage Herrn Referendar, ich ließe ihn [pg 77]bitten einzutreten, ich würde sofort erscheinen,“ wandte sie sich zu dem Mädchen, das stumpfsinnig und bewegungslos an der Türe stand, der Dinge harrend, die da kommen sollten.
„Adieu, Flora, wir müssen gehen,“ sagte Nellie und erhob sich.
„Nein, auf keinen Fall! Bitte, bleibt nur noch so lange, bis ich zurückkomme, bitte,“ bat Flora dringend und verschwand eiligst, weil die Türe weit aufging und Herr Lüders erschien. Nellie wollte mit einem höflichen Gruße an ihm vorbei gehen, er kam aber schnell auf sie zu und machte ihr eine tiefe Verbeugung.