Zögernden Fußes hatte sie den kleinen Vorgarten durchschritten, und blieb vor der Haustür stehen – zitternd und zagend! Die Fenster in der Parterrewohnung, welche Althoffs bewohnten, waren bis auf zwei unbeleuchtet. Vergebens spähte Ilse durch die Vorhänge, ob sie nicht eine Gestalt erblicken oder Stimmen hören könne. Aber nichts regte sich, alles blieb still.
Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Ach, wäre sie nur erst bei Nellie, und wäre doch der Augenblick des Wiedersehens erst überstanden! Sie konnte sich nicht entschließen, die Glocke zu ziehen, sondern blieb wartend, ob nicht jemand käme, an der Türe stehen. Einförmig tönte das Regengeplätscher fort; sie fühlte sich bis auf die Haut durchnäßt, denn in ihrer Aufregung hatte sie nicht daran gedacht, sich den Mantel anzuziehen, der nun schwer vom Regen über ihrem Arm hing. – Ihre Füße waren eiskalt, dazu kam ein Gefühl der Nüchternheit, denn sie hatte seit Mittag nichts genossen.
Länger konnte sie es so nicht mehr aushalten. Ach Gott, kam denn kein Mensch, sie aus ihrer Pein zu erlösen? Erschöpft lehnte sie sich an die Mauer. Endlich hörte sie [pg 19]im Hause Stimmen. Vorsichtig beugte sie sich vor und sah durch das Fenster in der Haustüre, wie Nellie mit ihrem Mann aus einem der Zimmer heraustrat. Sie holte erleichtert Atem, als sie das treue, liebe Gesicht der Freundin wiedersah, und wäre am liebsten sofort zu ihr geeilt, aber Dr. Althoffs Anwesenheit hielt sie zurück. Er schien fortgehen zu wollen, wie sie zu ihrer größten Beruhigung bemerkte, denn er hatte Hut und Schirm in der Hand. Arm in Arm ging das junge Ehepaar bis zur Treppe, dann beugte sich Dr. Althoff zu Nellie herab und küßte sie. Glückstrahlend sah sie zu ihm auf, und er streichelte zärtlich ihr liebliches Gesicht.
„Adieu, Liebste,“ hörte ihn Ilse deutlich sagen, „ich gehe jetzt. Spät werde ich nicht zurückkehren.“
Nellie nickte ihm herzlich zu.
„Ich schlafe gewiß schon, wenn du heimkommst,“ sagte sie, „ich bin sehr schläfrig diesen Abend.“
Sie blieb an der Treppe stehen, bis er aus der Türe verschwunden war. – Ilse war bei seinem Kommen schnell zurückgefahren und hatte sich hinter ein dichtes Gebüsch geflüchtet. Jetzt ging er durch die Gartenpforte; zugleich öffnete sich eines der erleuchteten Fenster und eine Gestalt ward in demselben sichtbar. Es war Nellie, welche ihrem Manne noch zunickte und ihm nachsah, bis er verschwunden war.
Ilse horchte atemlos, bis seine Schritte in der Ferne verhallt waren. Sie war seelenfroh, Nellie allein zu treffen, denn Dr. Althoff ihre Flucht einzugestehen –, es wurde ihr jetzt erst klar, wie beschämend das für sie gewesen wäre. Nellie konnte sie nun in Ruhe alles erzählen, und diese sollte ihr fest versprechen, ihrem Manne nichts davon zu sagen. Und nun faßte sie sich ein Herz und zögerte nicht länger mehr, sich Nellie bemerkbar zu machen. Aus ihrem Versteck hervortretend, rief sie schüchtern deren Namen. [pg 20]Erschrocken zuckte die junge Frau zusammen und, als sie Ilse erkannte, welche in dem matten Lichtschein, den das helle Fenster in den Garten warf, leibhaftig vor ihr stand, schrie sie laut auf. Sie war leichenblaß geworden, und ihre Augen blickten so starr, als sähe sie einen Geist vor sich.
„Nellie,“ rief Ilse noch einmal leise, und nun kam jene, so schnell sie ihre zitternden Füße trugen, zum Hause heraus gelaufen, vor welchem ihr Ilse in die Arme stürzte.
„Um Gottes willen, Ilse, wo kommst du her?“ brachte sie atemlos hervor.