Wollten wir es versuchen, in einem flach gehenden Küstenfahrzeuge von Cienfuegos aus thunlichst gerade gegen Pinos vorzudringen, so würden wir uns von neuem in den Bahnen von Christoph Kolumbus befinden. Sehr wahrscheinlich würden wir aber in dem Meeresraume, der die Insel in dieser Richtung umgibt, auch ähnliche Erfahrungen sammeln, wie sie der Entdecker der Neuen Welt mit seinen kleinen Karavelen vierhundert Jahre vor uns (1494) sammelte. Das offene Fahrwasser mit seiner tiefblauen Farbe und seinen zu weißen Schaumköpfchen emporgetriebenen, bewegten Wellen, wäre rasch durchmessen. Hiernach würden wir uns aber allenthalben jenem Heere von zierlichen Astraeen, Maeandrinen, Poriten und Madreporen gegenüber sehen, das die Tausende von kleinen Nebeninseln Cubas sowie auch einen guten Teil von Pinos und Cuba selbst aufgebaut hat und das an dieser wie anderen Stellen noch rastlos am Werke ist. Und hätten wir glücklich eine Durchfahrt zwischen den Korallenriffen gefunden, so würden wir uns abermals in einem Meere befinden, das für gewöhnlich so ruhig und sanft ist, „wie der Strom von Sevilla“, und wir würden angesichts des Mangrovenwuchses der darin liegenden Keys, in den sich hier und da Kohl- und Fächerpalmen (Oreodoxa oleracea und Thrinax argentea), sowie Opuntien und anderes Gebüsch beimischt, wohl mannigfaltige Veranlassung finden, uns geradeso wie Kolumbus schwärmerischer Naturbetrachtung hinzugeben und zu würdigen, wie treffend und feinsinnig derselbe die Korallen- und Key-Flur der großen Isabella zu Ehren Jardinillo de la Reyna — Gärtchen der Königin — nannte. An vielen Orten würde sich das Meer aber wunderlich entfärben — weiß, gelb, grün, braun, grau —, und auch das kleinste Schiffchen würde es nicht vermeiden können, wieder und wieder den Schlammgrund aufzuwühlen und wieder und wieder auf diesem Grunde festzusitzen. Bräche sodann, wie es in den Sommermonaten beinahe täglich der Fall ist, eine schlimme Gewitterböe oder wohl gar ein Orkan los, so wäre die Gefahr für das Fahrzeug innerhalb der angegebenen natürlichen Wogenbrecher sicherlich eine viel größere als außerhalb derselben. In jedem Falle hätten die Schiffsführer und die Schiffsmannschaft unsägliche Mühe und Anstrengung in dem Gewässer. Kolumbus und seine Begleiter hatten davon ein volles Maß zu genießen, ganz besonders auch von den Gewitterstürmen, da sie die Gegend im Frühsommer erreichten, sie arbeiteten sich aber bis Pinos, dessen Bergspitzen ihnen aus weiter Ferne entgegenwinkten, tapfer hindurch, und der Admiral nannte sie zum Dank gegenüber den Mächten, die ihn bis dahin hatten gelangen lassen, Evangelista. Als die See im Norden und Westen von Pinos aber weit und breit den gleichen Charakter bekundete wie im Osten und als das so ungeheuer in die Länge erstreckte Cuba auch dort noch kein Ende nahm — kaum eine gute Tagesfahrt vom Kap San Antonio, wenn das Meer ein offenes gewesen wäre —, da stand er von dem Bemühen ab, und er ließ nur noch von seinen Genossen urkundlich und unter hochnotpeinlichem Eide feststellen und bestätigen, daß Cuba keine Insel, sondern ein Teil von dem festländischen Asien sei. Man weiß, daß Kolumbus in diesem guten mittelalterlichen Glauben gestorben ist, niemand, der die Pinos-Key-Flur und die Pinosseichtsee in ihrer Tücke kennen gelernt hat, wird ihn aber feige oder kleinmütig dafür schelten, daß er die Fahrt in derselben nicht weiter fortsetzte. Ferdinand Cortez erlitt in derselben See westlich von Pinos traurigen Schiffbruch, und er rettete sein Leben dabei nur durch sein besonderes Glück.

Abb. 93. Vega am Ariguanabosee.

Dank den genannten und anderen großen Bahnbrechern in der Neuen Welt, die die Spanier entsandt haben, und um deren Willen dieselben wohl ein besseres Geschick mit ihrem daselbst aufgerichteten Reiche verdient hätten, als es ihnen thatsächlich zu teil geworden ist, steht uns heute ein bequemerer und gefahrenfreierer Weg nach Pinos offen. Um auf ihm einher zu dampfen, müssen wir uns aber erst zurückbegeben nach Batabano oder nach Coloma, und weil die große Nebeninsel Cubas für den allgemeinen Verkehr nur von diesen Punkten aus erreichbar ist, so wundert es uns nicht, daß auch sie Habana in strenger Weise tributpflichtig ist, sowie sie politisch zu der Provinz Habana gerechnet wird. Ein Auffurchen des Schlammgrundes kann der kleine Dampfer (von kaum 1,5 m Tiefgang) an verschiedenen Stellen auch auf diesen betretenen Pfaden nicht vermeiden, und es bedarf der ganzen Behutsamkeit und Vorsicht des ortskundigen Piloten, ihn langsam und sicher an den drohenden Gefahren vorüber zu führen.

Die Keys nördlich von Pinos.

Den Eindruck, als ob es aus einer Anzahl einzelner Inselberge bestände und als ob der zusammenhängende Sockel dieser Berge unter den Wellen gesucht werden müsse, macht Pinos auch von Norden aus. Von vornherein wird dieser Eindruck hier aber dadurch etwas verdunkelt und maskiert, daß die vorgelagerten Keys das Auge fesseln und abziehen, und später bemerkt man zu deutlich, daß ein gemeinsamer Unterbau der Berge allerdings auch über dem Meeresspiegel vorhanden ist. Als eine eng geschlossene Keygruppe liegen an diesem Wege besonders die Islas de Mangles (die „Mangroveinseln“ schlechthin), die nur eine einzige Durchfahrt von mehr als 0,5 m Tiefe zwischen sich lassen und die zusammen mit der Cayos de Dios und der Cayos de los Indios einen eigentümlichen Inselgürtel um die ganze Nordhälfte von Pinos herum bilden, der von physikalisch-geographischem Standpunkte aus Beachtung verdient. Eine Hebung von weniger als 2 m würde die Mangle- und Dioskeys in landfeste Verbindung mit Pinos bringen, und dasselbe würde dadurch im Nordosten ein ähnliches halbinselartiges Anhängsel erhalten, wie es im Südwesten thatsächlich besitzt — eine interessante geographische Homologie. Die Insel würde gewissermaßen zwei lange Arme in der Richtung auf die Vuelta Abajo ausstrecken. Fände aber eine weitere Hebung um 4 oder 5 m statt und nähme die ganze Pinos-Key-Flur an der betreffenden Bewegung teil, so würden sich die beiden Arme nicht bloß zusammenschließen, sondern es würden in ihrer Verlängerung auch zwei andere, längere wachsen, und es würden durch diese neuen Arme in der Richtung auf das Kap Frances der Guanahacabibeshalbinsel und auf die Batabanolandenge landfeste Verbindungen zwischen Pinos und der Vuelta Abajo hergestellt werden. Überdies würde der gegen Norden gerichtete Arm einen Nebenarm bis zur Halbinsel der Cienaga de Zapata von sich abzweigen, und im Osten würde sich die Jardinillosbank einerseits an Pinos und andererseits (über die Cazones- oder Canarreosbank) an die Zapatahalbinsel anfügen. Pinos wäre also dann auch mit der Vuelta Arriba fest verwachsen, und was von der ganzen Pinossee übrigbliebe, wäre nichts als eine Anzahl seichter Lagunen — ein paar größere namentlich an der Stelle der heutigen Broabucht und nördlich von den Cayos de San Felipe, d. i. in der Verlängerung des flachen Längsthales, in dem der Rio Gonsalo dem Matamanogolfe zufließt.

Abb. 94. Hauptstraße von San Antonio de los Baños.

Kulturen auf Pinos.