Während meines Aufenthaltes in Cöln hatte der Onkel seinen Kindern den strengen Auftrag gegeben, den kranken Vetter in keiner Weise zu ärgern und ihm womöglich nicht zu widersprechen, selbst wenn er in seiner etwas aufgeblasenen Gelehrsamkeit gewagte Behauptungen aufstelle. So schwer das auch den mundfertigen Kusinen wurde, so haben sie sich doch alle Mühe gegeben, mir den Aufenthalt in Cöln angenehm zu machen. Mit dem Vetter stand ich selbstverständlich als früherer Gymnasiast auch auf gutem Fuße. So steht der Winteraufenthalt in Cöln bei mir in bester Erinnerung und dem trefflichen Onkel, der mir nicht allein in seiner ärztlichen Kunst, sondern auch als vornehmer Charakter und als origineller Mensch stets ein Vorbild geblieben ist, sowie der herzensguten Tante habe ich mich Zeit meines Lebens zu warmem Danke verpflichtet gefühlt.
Im Frühjahr 1871 war meine Gesundheit soweit wieder hergestellt, daß ich die Universität beziehen konnte, um Chemie zu studieren. Das Leben im Gasthause war mir allerdings noch nicht zuträglich, aber ich wurde in freundlicher Weise wieder aufgenommen in meinem alten Gymnasiastenquartier. Dort waren inzwischen einige persönliche Veränderungen vor sich gegangen. Das alte Ehepaar Kemp hatte sich zurückgezogen und das Geschäft dem Sohn übergeben. Der hatte inzwischen die zu meiner Zeit als Verkäuferin im Geschäft tätige Fräulein Marie geheiratet und die junge, liebenswürdige Frau erklärte sich sofort bereit, die Verpflegung für mich ganz nach meinen Wünschen einzurichten. Das ist auch in gewissenhafter Weise geschehen. Ich lebte also so weiter, wie ich es in der Familie meines Onkels gewohnt war, und der Hausherr, der sich bei seinem früheren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Nordamerika infolge von Malaria und übermäßigem Chiningenuß den Magen verdorben hatte, lernte von mir die für solche Zustände angemessene Diät. Er wurde in der Tat auf diese Weise auch wieder gesund und hat mir später wiederholt für die guten Ratschläge gedankt.
Im Sommersemester 71 habe ich mich in Bonn nicht überanstrengt, sondern in aller Behaglichkeit Vorlesungen über Physik, Botanik und nur wenig Chemie gehört. Das botanische Kolleg von Professor Hanstein fand schon morgens um 7 Uhr im Schloß zu Poppelsdorf statt, war sehr populär und nur auf die Bedürfnisse eines Mediziners zugeschnitten. Systematik und Anatomie standen im Vordergrund und die Physiologie, die mich viel mehr interessiert hätte, spielte nur eine geringe Rolle.
Die Physik wurde von dem berühmten Thermodynamiker Clausius gelesen, war recht langweilig und in experimenteller Beziehung geradezu dürftig. Meine alte Vorliebe für die Physik ist dadurch etwas gedämpft worden und erst als ich später in Straßburg den glänzenden Vortrag und das gute Praktikum von Kundt besuchte, wurde mir erst wieder klar, welch herrliche Wissenschaft sie ist.
Das gerade Gegenteil von Clausius war der Chemiker August Kékulé, ein ausgezeichneter Redner, guter Experimentator und eindrucksvolle Persönlichkeit. In dem Sommersemester las er allerdings nur ein zweistündiges Kolleg über organische Chemie, aber in dem darauf folgenden Winter habe ich auch seine große Vorlesung über anorganische Experimentalchemie besucht.
Nachdem ich in den Herbstferien 71 zusammen mit dem Vetter Lorenz, der inzwischen aus Frankreich zurückgekehrt und noch ganz von den Erlebnissen des Feldzuges erfüllt war, das Seebad Blankenberghe bei Ostende besucht hatte, war mein Gesundheitszustand wieder so gut, daß ich im Winter 71/72 mit voller Kraft an das Studium herantreten konnte. Zu den Vorlesungen kamen jetzt auch die praktischen Übungen im Laboratorium. Das Institut lag in Poppelsdorf, war 1864/65 von Hofmann erbaut und machte äußerlich einen pompösen Eindruck. Viel weniger schön waren die inneren Einrichtungen, z. B. Raumverteilung und Beleuchtung. Besonders die Ventilation ließ sehr zu wünschen übrig. Der Direktor hielt die großen Vorlesungen und leitete die praktischen Arbeiten in der organischen Abteilung. Der analytische Unterricht war dem außerordentlichen Professor Engelbach anvertraut. Ohne irgendwelche Vorbereitung in der Anstellung von Experimenten wurde man sofort vor die Aufgabe gestellt, nach den Tafeln von Will eine qualitative Analyse auszuführen. Dazu war ich nicht imstande und hatte gegenüber den anderen Praktikanten, die meistens Apotheker waren, einen schweren Stand, denn diese pflegten meist auf illegitimen Wege die Aufgaben zu lösen, während ich ohne jede Anleitung viele Fehler beging und dann unbarmherzig zur Wiederholung angehalten wurde. Dazu kam, daß die Vorlesung über analytische Chemie, die ich pflichteifrig besuchte, äußerst trocken und langweilig gehalten wurde. Mein Eintritt in die Wissenschaft vollzog sich also unter ziemlich ungünstigen Verhältnissen, die mich sehr niederdrückten. Und als ich im darauffolgenden Sommer an die quantitative Analyse herankam, wurde die Sache noch schlimmer. Engelbach war inzwischen gestorben und Th. Zinke, der bisherige erste Assistent in der organischen Abteilung und gleichzeitig Privatdozent, wurde sein Nachfolger. Er war gewiß ein geschickter und auch schon verdienter Chemiker, aber der Unterricht in der analytischen Chemie lag ihm nicht besonders nahe, und wenn er sich auch große Mühe gab, und mir manchmal einen guten Rat erteilte, so war es doch auch für ihn schwer, die Hindernisse zu beseitigen, die der Ausführung einer guten quantitativen Analyse im Bonner Institut entgegen standen. Schon allein die Ungenauigkeit der Waagen war groß genug, um das Innehalten der üblichen Fehlergrenzen bei den Analysen unmöglich zu machen. Der Gebrauch der Wasserluftpumpe, die schon längst von Bunsen erfunden war, fand in Bonn eine ungünstige Beurteilung und man begnügte sich noch immer mit der alten primitiven Wäsche der Niederschläge auf einem gewöhnlichen Filter. Das waren harte Geduldsproben. Als ich schließlich einen Niederschlag von Aluminium- und Eisenhydroxyd, der wohl nicht unter den richtigen Vorsichtsmaßregeln gefällt war, 8 Tage lang gewaschen hatte, ohne die Mutterlauge ganz verdrängen zu können, war ich so verzweifelt, daß ich die Chemie aufgeben und mich wieder der Physik zuwenden wollte. Daß ich es nicht getan habe, ist wohl hauptsächlich dem Einfluß meines Vetters Ernst zuzuschreiben, der mir riet, es in einem anderen Institut nochmals zu versuchen.
Inzwischen war auch Vetter Otto mit der Schule fertig geworden, hatte ebenfalls das Studium der Chemie in Berlin begonnen und war dann auch nach Bonn gekommen. Er nahm die Schwierigkeiten keineswegs so tragisch wie ich, trotzdem gefiel auch ihm der Gedanke, die Hochschule zu wechseln, nicht allein der Studien halber, sondern um in der Welt sich umsehen zu können. So kam es, daß wir am Ende des Sommersemesters 1872 Bonn verließen und dann halb durch Zufall nach Straßburg i. E. kamen. Das war für uns beide ein rechtes Glück, denn wir sind so mit Adolf Baeyer in Berührung gekommen, und ich wüßte nicht, was mir Besseres hätte passieren können, um die chemische Experimentierkunst zu lernen. Den Aufenthalt im Straßburger Laboratorium habe ich versucht in einem kleinen Aufsatz zu schildern, den Baeyer seiner Selbstbiographie eingefügt hat. Auf diese Art ist er in der Einleitung zu Baeyers gesammelten Abhandlungen zum Druck gelangt. Ich habe ihm nur wenig zuzufügen, um noch ein Bild von unserer Lebensweise und dem Freundeskreise außerhalb des Laboratoriums zu geben.
Im ersten Semester wohnte ich mit Vetter Otto zusammen bei zwei sehr alten Frauen in einem ebenso alten Hause, wie denn überhaupt die ganze Stadt damals einen recht alten und verkommenen Eindruck machte. Verschärft wurde dieser durch die starken Verwüstungen, die von der Belagerung herstammten. So lag das sogen. Steinviertel noch größtenteils in Trümmern.
Mein Magenkatarrh war inzwischen geheilt, aber er hatte doch eine Empfindlichkeit des Organs hinterlassen, die mir eine gewisse Vorsicht in der Diät auferlegte. Die gute Straßburger Küche und der noch bessere, in großen Vorräten vorhandene französische Wein kamen mir zugute, und ich habe im Wintersemester im badischen Hof nach Verabredung mit dem sehr verständigen Wirt ein stattliches Faß ausgezeichneten Burgunder konsumiert, war dadurch in einen recht guten Ernährungszustand gekommen, so daß ich von den Professoren unter dem Titel »der dicke Fischer« von dem Vetter unterschieden wurde.
Bei dem nächsten Besuch während der Osterferien erregte mein Aussehen bei der Mutter große Freude, während der erfahrene Vater mich mit den Worten begrüßte: »Du hast einen ziemlich vertrunkenen Kopf gekriegt.« Infolgedessen habe ich das Burgundertrinken aufgegeben und mich dem guten aber viel unschuldigeren Elsasser Landwein zugewandt. Auch die Mehrzahl der Kollegen, die vielfach aus dem Rheinland stammten, besuchten die Weinhäuser. Zwar gab es auch Bier in mannigfaltiger Qualität, sowohl einheimisches, in dem Orte Schiltigheim gebraut, wie auch bayerisches, aber diese Häuser pflegten wir nur im Sommer zu besuchen, der in Straßburg ungewöhnlich heiß ist und deshalb zum Bierverbrauch anregt.