Er sang so schön und herzergreifend, daß alles28-13 stille ward.
„Waren Sie schon in Italien?“ fragte der Engländer.
„Ja, ich war schon da, vor29-1 Jahren,“ sagte leise und ernst der Assessor. Er schnitt damit29-2 aber jedes weitere Gespräch ab. Man merkte es ihm am Tone an, daß dort etwas von Bedeutung in seinem Leben geschehen sein mußte, womit er nicht herausrücken wollte.
„Sie haben das Lied so schön gesungen,“ sagte die „Vorsteherin“—„so schön wie ich es nur einstens von einer Freundin gehört. Aber merkwürdig ganz mit demselben Klange und derselben Auffassung. Es ist doch eigen, wie plötzlich Erinnerungen auftauchen, die sich an irgend ein Lied oder Wort oder einen Klang so unzerreißbar heften!“
„Und Ihre Freundin war auch in Italien?“ fragte der Assessor.
„Ja—sie ist ganz dort,“ entgegnete die Dame wehmütig. „Sie schläft unter den Cypressen an der Cestiuspyramide,29-3 auf dem Kirchhofe der Protestanten zu Rom.“
Den Assessor durchzuckte es.29-4 Es29-5 kämpfte in ihm, ob er weiter fragen sollte. Endlich fragte er doch: „In welchem Jahre war es?“
„Es war im29-6 Jahre 18.., am 20. Mai, daß sie entschlafen.“
Der Assessor stützte den Kopf in beide Hände und sprach kein Wort. Alle schauten still und stumm auf ihn,—am meisten betroffen aber war die „Vorsteherin.“ „Ich habe Ihnen doch29-7 nicht wehe gethan?“ sagte sie in weichem, mildem Tone.
Der Assessor schaute sie klar und tief mit feuchten Augen an. „Wohl und wehe zugleich, Fräulein Milla!—denn keine andere sind Sie, wiewohl ich Sie nie gesehen, die treueste Freundin meiner unvergeßlichen Elsa.“—Er reichte ihr die Hand und hielt sie lange fest.