„Immer noch der alte,“3-3 murmelte der Rotkopf, als er draußen war,—„man weiß nie, wohin es3-4 geht.“
Am nächsten Morgen fuhren die beiden nach London Bridgestation und sausten mit dem Zuge nach Dover.3-5
Derweilen aber stieg im lieben, deutschen Vaterlande ein Pärchen in die bekränzte Hochzeitskutsche. Sie kamen vom Hochzeitsaltar und Hochzeitsessen und hatten sich in der Stille davongemacht. Nur die Mutter der Braut war mitgegangen und hatte dem Töchterlein das graue Reisekleid angelegt und es3-6 mit Thränen gesegnet. Es ist ja freilich nur ein Schritt aus dem Elternhause in die Hochzeitskutsche, aber es ist eben nicht ein Schritt wie ein anderer. Darum schaute ihr die Mutter noch lange nach, bis der Wagen um die Waldecke bog und ihren3-7 Blicken entschwand. Die zwei freuten sich, daß sie endlich ohne Onkel und Tanten waren und fuhren fröhlich in die Welt hinein zur Eisenbahnstation.
„Nun geht’s3-8 in die weite, weite Welt hinein, liebes Kind,“ sagte der junge Mann, „da wirst du, Sandhase,3-9 deine blauen Wunder sehen.“
„Ach, bei uns ist’s auch schön,“ meinte das junge Frauchen, „aber mit dir fahre ich schon4-1 in die weite Welt hinein. Es ist mir zwar ein wenig gruselig dabei zu Mut4-2 vor den vielen Menschen, was man da reden soll.“
„Sag’ du ihnen nur,4-3 daß du mich lieb hast, und daß es4-4 keinen bessern Mann auf der Welt giebt als mich,“ meinte bescheiden4-5 der junge Eheherr, „dann hast du gewiß nichts dummes gesagt.“
So fuhren die zwei von dannen und wußten nicht, daß der Landgerichtsassessor Robert Berneck aus Buchau4-6 im bayrischen Wald sich bereits Jahre lang4-7 auf eine Reise gefreut hatte. Endlich hatte er Urlaub erhalten. Ein stiller Mondschein4-8 lagerte sich schon über das Haupt des Mannes, wiewohl er erst in dem Anfang der Vierzig stand. Das Amtsleben hatte ihm das ganze bayrische4-9 Wappen, den Löwen mitsamt den blauweißen Weckschnitten derart ins4-10 Gesicht gestempelt, daß kaum noch eine Spur des eigentlichen Menschen zu sehen war, der in früheren Jahren nicht so ganz übel4-11 gewesen sein mochte.—Er hatte lange zu thun, bis er seine Siebensachen bei einander hatte. Nachgerade hatte er sich an so viele Bedürfnisse gewöhnt, und vorsorglich für alle Zukunft wanderte4-12 in das Ränzlein, das er noch aus alten Tagen besaß, eine ganze Haushaltung nebst einer Apotheke. Utensilien, wie Salben für frisch gelaufene Blasen an den Füßen, Opodeldoc4-13 für mögliche Verletzungen, Kamillenthee für Leibschneiden, Storchenfett für Entzündungen waren nicht vergessen. Eine neue graue Joppe mit grünem Aufschlag, ein spitziger Tyrolerhut mit Gemsbart,5-1 alles elegant5-2 hergestellt nach seiner Angabe, vollendeten den Anzug. Bergschuhe, mit dicken Nägeln beschlagen, wurden angezogen, und der Alpenstock, den er von einem Freund geerbt hatte, stand auch bereit. Als seine Lena, die niederbayrische Haushälterin, hereintrat und ihren Herrn so sah, schlug sie die Hände zusammen und meinte im stillen, ihr Herr sei5-3 wohl nicht ganz bei Trost.5-4 Denn bisher hatte sie ihn nur in seinem ehrbaren Landassessorrock und in der Mütze mit der Krone5-5 und dem „L“ darunter gesehen und hatte jedesmal vor ihm einen Knix gemacht, als ob er die „Hochwürden“ des Orts wäre,5-6 jetzt aber war er ihr5-7 ganz in die Abteilung „Mensch“5-8 heruntergesunken.
„Nun, Lena, gefall’ ich dir nicht so?“ meinte der Landgerichtsassessor. „Ja,“ sagte sie, „jung schaun’s schon völlig aus, aber halt a bissel verputzelt und kennen thut’s Ihna koan Mensch hier in der Gegend.“
„Das will ich gerade, Lena. Ich will Mensch sein, ganzer, voller Mensch, und hingehen, wo mich niemand kennt und ahnt, daß ich ein Beamter bin.“
„A Mensch will er sein,“ murmelte die Lena vor5-9 sich, „sonst hat er als5-10 gesagt, daß er a Aktenvieh sei.“