[Capstadt.]
Wir verlassen den Fischmarkt und begeben uns durch eine der vielen parallel die Stadt durchkreuzenden Straßen nach dem durch Pinien umsäumten Paradeplatz. Im Innern der Stadt werden wir weniger von der Bauart der Häuser, von denen noch viele den alten holländischen Styl zeigen, als vielmehr von dem Treiben in den Straßen gefesselt, in denen die Eingebornen, welche hier jedoch als Mischrace überwiegen, das meiste Interesse des Fremden erregen. Sie sind als Lastträger, als Kutscher und Diener an jeder Ecke, in jedem Geschäfte und Hause vertreten. Malayen, Kaffern und Mischlinge liegen friedlich an derselben Ecke und suchen, wo sich ihnen ein »Job« (eine Arbeit) darbietet, das Höchste herauszuschlagen. Hat sich im Verlaufe meines siebenjährigen Aufenthaltes Manches im Aeußern der Stadt zum Vortheil geändert und ist auch für die Hebung der allgemeinen Bildung viel gethan worden, diese Schichte der Bevölkerung ist sich gleich geblieben in ihrer Rohheit, gewonnen haben ihre Mitglieder nur an Verschmitztheit und Unverschämtheit in ihren Forderungen. Malayen und jene der Mischlinge, die durch Vermögensverhältnisse oder in Bildungsanstalten eine bessere Erziehung erwerben konnten, machen einigermaßen eine Ausnahme.
Die Mischlinge zeigen die mannigfachsten Nüancen der Hautfarbe, von einem leichten Stiche in's dunkle bis zu dunkelbraun; die schwarzen Gesichter gehören Kaffern und Eingebornen, die von der Ost- und Westküste und von St. Helena eingewandert sind.
Capstadt ist der Sitz der höchsten englischen Behörde für Süd-Afrika, des Commissioner for the Possessions and Dependencies in South Africa, des ihm zur Seite stehenden Ministeriums, sowie des aus dem Ober- und Unterhause bestehenden Parlaments, ferner der Sitz eines anglikanischen katholischen Bischofs, die Stadt zählt sechzehn Kirchen (Bethäuser mit eingerechnet) und unter den Bewohnern, deren Mehrzahl Farbige sind, finden sich Bekenner aller erdenklichen Confessionen. Unter den Weißen überwiegt das holländische Element über die übrigen Vertreter europäischer Nationen, deren Rechte durch Consuln gewahrt werden; es sind dies meist Kaufleute, welche die Consulargeschäfte nebenbei besorgen. Nur Frankreich und Portugal sind durch Consuls de carrière vertreten.
An der Spitze der jetzigen Regierung steht ein Mann, der sich das vollkommene Vertrauen der Colonisten erworben und zu den edelsten und einsichtsvollsten Gouverneuren gehört, die England je mit der Verwaltung seiner südafrikanischen Colonien betraut hatte. Viele der von Sir Bartle Frère eingeführten Neuerungen werden sich namentlich in der Zukunft ersprießlich erweisen.
Von den öffentlichen Gebäuden können wir namentlich die Stadthalle, die Kirchen, das Gouvernements-Gebäude, das Sailors Home, die Militärgebäude, die Eisenbahnstation erwähnen; vor Allem aber verdient das Museumsgebäude mit dem Monumente Sir Grey's und mit dem angrenzenden botanischen Garten, von den, die Stadt nach der Seeseite hin schützenden Befestigungen, namentlich das terrassenförmig angelegte, steinerne Castell, in dem der Chef der Militärbehörde der Capstadt residirt, und welches gegenwärtig dem Zulukönig Ketschwaio zum provisorischen Aufenthalte angewiesen worden ist, erwähnt zu werden.
Eine detaillirte Beschreibung der größten Stadt Süd-Afrika's würde zu weit führen und ich will mich nur auf einige wenige Objecte beschränken, und damit von der Metropole scheiden (siehe [Anhang 1)]. Von den Bildungsanstalten der Hauptstadt ist namentlich das South African College zu nennen, an dem Männer vortragen, die bereits als Gelehrte europäischen Ruf erlangt haben. Von den wissenschaftlichen Gesellschaften nimmt die Philosophical Society den ersten Rang in Süd-Afrika ein. Sie hat Originalforschungen auf dem Gebiete aller Wissenschaften zum Zwecke. Der gegenwärtige Präsident der Gesellschaft ist der wohlbekannte Astronom Prof. Gill.
Und nun wollen wir einen Blick auf die Umgebung der Capstadt werfen, deren Scenerie, sowohl dem von der See als auch aus dem inneren Hochlande Kommenden den freundlichsten Eindruck macht und der Hauptstadt einen besonderen Reiz verleiht. Nähern wir uns der Stadt von der hohen See, so fallen uns schon aus großer Entfernung zahlreiche weiße Pünktchen auf, welche sich am Fuße des langgestreckten Löwenkopfes längs der See hinziehen, sie entpuppen sich in der Nähe als Villen, die aus den im prächtigsten Grün strotzenden Gärten hervorlugen und sich am Fuße der hier mit einem Grasteppich bedeckten Hügel, dort schroff abfallenden Felsenhöhe ungemein reizend und malerisch ausnehmen. Ein Tusculum der wohlhabenden Bewohner der Capstadt, besonders der Handelsherren, verbindet eine Pferdebahn, welche von 6 Uhr Morgens bis 10 Uhr Nachts in Betrieb gesetzt ist, diese Vorstadt mit der Metropole. Der von der Stadt entfernteste, nach der hohen See zu liegende Theil dieser Vorstadt wird Sea-Point, der näherliegende, mit ihr zusammenhängende Green-Point genannt. Da, wo sie sich vereinigen, finden sich die Friedhöfe, von denen jener der Europäer den stillen Cypressengärten Madeira's gleicht, während die höher am Bergabhange liegenden Friedhöfe der Eingebornen, namentlich die Begräbnißstelle der mohamedanischen Malayen mit ihren zahlreichen mit Inschriften versehenen Grabsteinen für den Ethnographen großes Interesse bieten. Neben den auf dunklen Schiefertafeln eingegrabenen Inschriften sind diese Gräber blos mit aus Papier geschnitzten und von Zeit zu Zeit erneuerten Blumen geschmückt.
Gewährt schon der Fuß des Löwenkopfes mit den schönen Villen einen reizenden Anblick, so gilt dies in erhöhtem Grade von dem untersten Hange des Teufelsberges. Hier reiht sich auf Meilen hin Dorf an Dorf, Garten an Garten, die einzelnen nett und sauber gehaltenen Gehöfte oft durch dichte Nadel- oder Eichengehölze von einander getrennt und überschattet. Von hundert zu hundert Schritt taucht hier immer ein neues anziehendes Bild auf, das zuweilen ausnehmend schön genannt werden kann, wie z.B. die über diesem Punkte sich erhebende Partie des Teufelsberges hier als eine interessante Felsenformation, dort als Gehölze oder blühende Erikawiesen den Hintergrund bildet. Eine über 100 Meilen landeinwärts führende Eisenbahn verbindet diese Vorstädte mit der Stadt. Züge gehen in der Regel stündlich ab. Ein besonderes Interesse bietet die dritte Station dar, sie führt der königlichen Sternwarte wegen, die etwas abseits gegen den Salt-River zu auf einer zu einem Lustgarten umgewandelten Sanddüne erbaut ist, den Namen »Observatory Road«. Unter der Leitung Prof. Gill's stehend, hat die Sternwarte durch Herschel junior's epochemachende Arbeiten Weltruf errungen. Auch der gegenwärtige Leiter und seine Gemahlin sind in den englischen Kreisen wohl bekannt, sie namentlich durch das von ihr veröffentlichte Werk: »Sechs Monate auf der Insel Ascension«, welche Zeit sie auf dieser öden vulkanischen Insel in Gemeinschaft mit ihrem Mann zubrachte, mit astronomischen, dem Durchgange des Mars gewidmeten Beobachtungen beschäftigt.