Nach einer beschwerlichen Fahrt von mehreren Stunden erreichten wir, nachdem wir die gastliche Farm verlassen, die Stadt Fauresmith. Sie zeigte den Charakter aller Städte des Freistaates; obschon sie kaum 80 Häuser zählte, dehnte sie sich doch über eine beträchtliche Fläche aus; die reinlich getünchten Häuser mit ihren flachen Dächern, aus den sie theilweise umgebenden Gärten hervorlugend, gewährten uns einen freundlichen Anblick. Fauresmith ist der Sitz eines Landdrosten und im Allgemeinen eine der bedeutenden Städte der Republik. Der gleichnamige District, dessen einzige Stadt eben Fauresmith ist und der zu den reichsten des ganzen Freistaates zählt, verdient weiters noch durch seine Pferdezucht und den nahe der Stadt gelegenen Diamanten-Fundort »Jagersfontein«, in dem der Abbau etwas rationell betrieben wird, besondere Erwähnung.[[1]]
[1] Siehe [Anhang 7].
Fauresmith, sowie die meisten südafrikanischen Städte, bieten viermal des Jahres, wenn die holländischen Farmer zur Andachtsübung und Erfüllung ihrer religiösen Pflichten (hauptsächlich um das heilige Abend- und Nachtmahl, wie es hier genannt wird, zu empfangen) und auch zur Besorgung ihrer En gros-Einkäufe und Abrechnung mit ihren Geschäftsfreunden nach der Stadt kommen, ein ungewöhnlich belebtes Bild, das zur gewohnten Stille und Einsamkeit einen grellen Contrast bildet. Eine Unzahl der bekannten südafrikanischen Riesenwägen durchzieht dann die Straßen und campirt theils in denselben, theils außerhalb der Stadt. Im Gefolge der Wagen fanden wir immer einige Reiter, theils Farmerssöhne, theils farbige Diener. Die bemittelteren der Farmer besitzen ihre eigenen Häuser in der Stadt und wo es die künstliche Bewässerung erlaubt auch ein Gärtchen dazu; die weniger wohlhabenden miethen sich von den letzteren für die Zeit ihres Aufenthaltes ein bis zwei Zimmer, oder wohnen—was jedoch nur die Aermsten thun—außerhalb der Stadt für die kurze Dauer ihres Besuches in ihren großen Wägen. Diese Besuche der holländischen Farmer sind für die dortigen Geschäftsleute heiß ersehnte Tage und erinnern in mancher Hinsicht an die europäischen Messen. Auch der Arzt findet in dieser Zeit eine vermehrte Beschäftigung, da die Farmer sehr oft bei allen nicht besonders gefährlichen Krankheiten mit ihrer Consultation bis zum Besuche der Stadt warten. Unter der nicht besonders zahlreichen Bevölkerung dieser Städte bilden die Prediger, der Landdrost, der Arzt, die Kaufleute und der Notar die Crême der Gesellschaft.
Ich erwähnte bereits, daß ich meine Reise nach Fauresmith mit den schönsten Hoffnungen und in gehobener Stimmung antrat. War ich doch hier dem ersehnten »Innern« viel näher als in Port Elizabeth, konnte ich doch über den Umfang und die Details meiner nöthigen Ausrüstung belehrt werden, endlich sollte ich hier die Gelegenheit finden, mir die Geldmittel zu meinen geplanten Reisen in das Innere zu verschaffen. Dies Alles war mir von dem Fauresmither Geschäftsmann so leicht, in solch' schönen Farben geschildert worden, daß ich es ja glauben mußte, und ich vertraute um so zuversichtlicher, als ich mich so alleinstehend, so fremd und weil mittellos, so verlassen in dem mir fremden Welttheile fühlte. Ein Ertrinkender faßt mit ganzer Kraft und Zuversicht nach dem schwächsten Zweige, der ihm erreichbar ist, von ihm erhofft er seine Rettung; wäre er am Ufer, er würde allerdings solche Hoffnungen thöricht schelten.
Enttäuschung ist wohl einer jener so oft im Leben wiederkehrenden, wenig angenehmen Momente, die den Menschen zum Sammeln aller seiner Kräfte und Fähigkeiten zwingen, wenn er nicht muthlos verzagen will. Dieser ungebetene Gast sprach aber bei mir so oft vor, daß er mich heute nicht mehr überraschen würde. Wir haben ihn gewiß alle ohne Ausnahme kennen gelernt, vielleicht bin ich jedoch häufiger mit ihm zusammengekommen, als Andere. Kannte ich ihn doch schon aus meiner frühen Jugend, aus den Anfängen meiner »Forschungsreisen« im Mittelgebirge und im Egerthale, aus meinen Universitätsstudien in Prag, aus dem Beginne und aus der Entwickelung meines Unternehmens.
Alle Hoffnungen, die ich auf den Aufenthalt in Fauresmith gesetzt hatte, zerrannen in wenigen Tagen; ich hatte wahrgenommen, daß ich auch dem, der mich zur Reise hierher bewogen, zur Last fiel; er kam mit seinem älteren Freunde, einem in Fauresmith wohnenden Arzte, meinethalben in Collision, schließlich siegten seine älteren Sympathien über die mir zugedachte Gewogenheit, doch gab er mir den wohlmeinenden Rath, die Diamantenfelder aufzusuchen, in welchen ich, wie er sich ausdrückte, am rechten Platze und der rechte Mann wäre. Mir blieb nichts übrig, als diesem »wohlmeinenden« Rathe zu folgen und so brach ich wieder auf. Ich hatte kaum die nöthigsten Kleider auf dem Leibe, meine Fußbekleidung war in Brüche gegangen und da meine Mittel nicht hinreichten, mir neue Kleider zu kaufen, mußte ich versuchen, sie creditirt zu erhalten. Dies gelang mir, und so zog ich weiter, mein Stolz verbot es mir, den Mann, der in Port Elizabeth den guten Willen gezeigt hatte, mir zu helfen, an sein Versprechen zu erinnern. Wie von Port Elizabeth nach Fauresmith, so war auch von Fauresmith nach den Diamantenfeldern Herr Hermann Michaelis mein guter Helfer. Für jene Strecke hatte er mir das nöthige Geld vorgestreckt, auf dieser nahm er mich als seinen Gast mit, da er eben auch nach den Diamantenfeldern gehen und sie besichtigen wollte. Wir fanden nun noch einen Reisegefährten in Herrn Rabinsvitz, dem Oberrabbiner für Süd-Afrika, der mir ein sehr freundliches Entgegenkommen bewies. So schied ich denn von Fauresmith, ohne Groll und muthig der Zukunft entgegenblickend. Dem Kaufherrn in Fauresmith sei hier für die gewährte Gastfreundschaft mein Dank ausgesprochen.
Die Gegend zwischen Fauresmith und den Diamantenfeldern ist recht eintönig. Nur die Strecke längs des Riet-River und im Thale des Modder-River, welches wir zu durchkreuzen hatten, bot eine etwas anziehendere Scenerie dar. Hier zeigte sich mir auch eine günstige Jagdgelegenheit, und ich benützte die wenigen freien Minuten während einer Ruhepause, nach eingenommenen Mahle, die nächste Umgebung zu durchstöbern. Der Riet-River floß in einem tiefen Bette als ein dünner Faden nach Nordwest, um sich mit dem Modder- (Sumpf-, Schlamm-) River zu verbinden. Wie in den meisten Flüssen Süd-Afrika's zur Trockenzeit (Winter) hatten sich auch hier mehrere die ganze Breite des Flußbettes einnehmende, bis drei Meter tiefe, fischreiche Tümpel gebildet.
Der großen Mannigfaltigkeit von Landschaftstypen entspricht auch eine große Mannigfaltigkeit von Thierformen, namentlich Vierfüßlern, und selbst in den zur Trockenzeit wüstenartig erscheinenden Gegenden bietet sich dem Zoologen wie dem Jäger ein reiches Arbeitsfeld. Diese Mannigfaltigkeit ist besonders bei den niederen Thierformen ausgeprägt, und ich fand schon in der Cap-Colonie viele Schmetterlings- und Käferarten oft auf kleine, durch zwei parallel laufende Flüsse begrenzte Striche beschränkt.
Mit einzelnen interessanten Arten von Federwild wurde ich eben jetzt in dem mit Trauerweiden (Salix babylonica) dicht bewachsenen Riet-Riverthale näher bekannt. Mein Jagdglück versuchend, war ich thalaufwärts vorgedrungen und wollte mich eben durch ein dichtes Gebüsch drängen, um eine bessere Rundschau über die Tümpel im Flußbette zu gewinnen, als ein wohl hundertstimmiges Geschrei und ein leises Rascheln in den überhängenden Zweigen mir die befiederte Gesellschaft verrieth. Zurücktretend, scheuchte ich die Thierchen vollends auf, welche mit lautem Gezwitscher in ein nahegelegenes Dorngebüsch einfielen. Es waren die zierlichen, beschopften und durch lange schmale Schwänzchen ausgezeichneten Wiriwa (Colius leucotis), von denen ich später noch zwei weitere Arten kennen lernte. Eines der Thiere hatte auf dem höchsten Zweige Posto gefaßt, wohl um den fremden Ruhestörer im Auge zu behalten, die übrigen hatten sich in das Innere des Busches zurückgezogen, so daß sie meinen Blicken vollends entzogen waren. Es sind sehr muntere Thiere, doch schwer in Gefangenschaft zu erhalten, die einzig lebenden fand ich in Grahamstown, wo sie ein Vogelliebhaber mit Finkenarten in einem großen Käfig gefangen hielt und sie mit Orangen ernährte.
Das Gros der Vogelwelt im Riet-Riverthale bildeten die Vertreter zweier Arten von Turteltauben, der eigentlichen südafrikanischen, bläulichgrauen Turtur und der Lachtaube, welchen wir bis zum Zambesi und darüber hinaus begegnen, Vögel, die jeder Thierfreund, wenn er sie in der Nähe beobachten kann, liebgewinnt. Ich hatte mir mehrere derselben, die ich im Fluge leicht angeschossen, jahrelang erhalten, und mir damit manche vergnügte Stunde verschafft. Schon um 3 Uhr Morgens ließen sich die Männchen mit ihrem Girren und dann mit ihrem Silbergelächter hören; und als sie so ihren Morgengruß den neben ihnen sitzenden Täubchen gespendet, da antworteten diese, allein so leise und zart, daß es wie aus der Ferne, doch äußerst melodisch und lieblich herüberklang. Leider fielen sie der Nachlässigkeit eines meiner schwarzen Diener zum Opfer.[[1]]