Litteraturgeschichte
1880–1900
Im Abriß dargestellt
von Emil Thomas.
2., durchgesehene Auflage.
(4. bis 8. Tausend.)
Leipzig 1900
Verlag von Walther Fiedler.
Vorwort.
Es sind in neuester Zeit vielfach Versuche einer Darstellung der Litteratur der letzten Jahre unternommen worden[1] und es war dies umsomehr von nöten, als unsere besten Litteraturgeschichten im Stich lassen, sobald die Litteratur der letzten Jahrzehnte in Frage kommt. Selbst Vogt und Kochs Litteraturgeschichte, die im vorigen Jahre zur Ausgabe gelangte, ein sonst tüchtiges und zuverlässiges Werk, macht vor der modernen Litteratur Halt und behandelt die Zeit von dem Auftreten der »Jüngsten« an in einer wahrhaft stiefmütterlichen Weise, die zu dem Ganzen in keinem Verhältnis steht und deutlich erkennen läßt, wie wenig die Verfasser über die moderne Litteratur unterrichtet sind. Wenn man nun auch zugeben muß, daß es mit Schwierigkeiten verbunden ist, klar und übersichtlich eine Periode darzustellen, in der noch alles Leben und Bewegung ist, die noch nicht einmal äußerlich zu einem gewissen Abschluß gelangt ist, so erscheint es doch nicht angängig, aus einer zeitlich nicht begrenzten Litteraturgeschichte die moderne Litteratur auszuschließen oder sie in ungenügender Weise zur Darstellung zu bringen. Denn nichts liegt dem Interesse näher, als was uns zeitlich naheliegt, und es ist sehr wohl möglich, zeitgenössische Schriftsteller und ihre vorliegenden Werke zu beurteilen, auch auf die Gefahr hin, daß durch spätere Schöpfungen neue charakteristische Züge in das Bild Aufnahme finden müssen. Darstellen läßt sich also die Litteraturperiode der letzten Jahre – fraglich ist nur, ob der Bericht über dieselbe, 10 oder 20 Jahre später, nicht derartige Korrekturen erfahren wird, daß Urteil und Anschauung der Gegenwart dadurch für die spätere Zeit vollständig entwertet werden. Strömungen und Unterströmungen auf litterarischem Gebiete sind für denjenigen, der mitten in der darzustellenden Periode steht, nur schwer erkennbar, und auch das Urteil des vorurteilslosen Beobachters wird von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, besonders in einer Zeit, die an Stelle der litterarischen Persönlichkeiten litterarische Schulen setzt und durch Schlagworte zu ersetzen sucht, was ihr an litterarischem Verständnis abgeht.