Johannes Schlaf, geb. am 21. Juni 1862 in Querfurt, ging vom Naturalismus aus (»Papa Hamlet«, »Familie Selicke« [in Gemeinschaft mit Arno Holz], »Meister Olze«) und wandte sich dann dem Symbolismus zu (»Frühling«, »Sommertod«, »Gertrud«). Von seiner Romantrilogie, die den Entwicklungsprozeß eines »Neumenschen« hamletschen Gepräges zeigen soll, ist bisher nur der 1. Band unter dem Titel: »Das dritte Reich«, ein Berliner Roman, erschienen. Sch.'s Produktion nach seiner Emancipation von Arno Holz zeigt, daß er dichterisch der bedeutendere der beiden war, wenn ihm auch das Kraftvoll-Männliche abgeht und ein weicher, verträumter Zug über seinen Werken liegt.

Otto Julius Bierbaum, geb. am 28. Juni 1865 in Grünberg, redigierte eine Zeitlang die »Freie Bühne«, die er in die »Neue Deutsche Rundschau« umtaufte, gab den »Modernen Musenalmanach« heraus, gründete mit dem Halbpariser Julius Meier-Gräfe den »Pan« und ist gegenwärtig Mitherausgeber der »Insel«. B. warf sich zum Herold der Symbolisten auf, mit denen er eine Versicherungsgesellschaft auf gegenseitige Hochachtung und Anerkennung gründete, schrieb »Erlebte Gedichte«, »Studentenbeichten«, »Nemt Frouwe disen Kranz«, »Pankrazius Graunzer«, »Stilpe«, »Das schöne Mädchen von Pao« u. a., und giebt mit Vorliebe seinen Bierulk für Humor aus. Der Originalität wegen sieht er sich gern im Mittelalter, wenn nötig auch im Auslande, nach Gewändern um, seine Figuren damit zu behängen und ihnen auf diese Weise ein »charakteristisches Gepräge« zu geben, das ihnen sonst abgehen würde.

Franz Evers, geb. am 10. Juli 1871 in Winsen, erweckte mit seinen ersten Gedichtsammlungen »Symphonie« und »Fundamente« Hoffnungen, verlor sich jedoch später ganz in die Irrgänge der Mystik (»Hohe Lieder«, »Maria«, »Paradiese«), aus denen er bisher noch keinen Ausweg gefunden hat.

Stanislaw Przybyszewski, geb. am 7. Mai 1868 in Lojewo (Prov. Posen) sucht in seinen Schriften den Beweis von der Verwandtschaft des Genies mit dem Irrsinn zu erbringen, oder ist wenigstens bestrebt, beide so mit einander zu verquicken, daß es dem Leser schwer fällt, in dem einen das andere und in dem anderen das eine herauszufinden. Seine dämonisch-verrückt-genialen Dichtungen peinigen den Leser geradezu mit der Darstellung all' der wirklichen und eingebildeten Schmerzen einer zerfaserten fin-de-siècle-Seele. Für Gleichgesinnte, die erfahren wollen, wie schwer sich der moderne Mensch das Leben machen kann und wie sehr er leidet, wie nicht minder für Irrenärzte, sind die P.'schen Werke (»Homo sapiens«, »De profundis«, »Satans Kinder«, »In diesem Erdenthal der Thränen«) eine pathologische Goldgrube.

Richard Dehmel, geb. den 18. November 1863 zu Wendisch-Hermsdorf, ist einer der vielumstrittensten und einflußreichsten Litteraten der Gegenwart, der, selbst ein Grübler, es verstanden hat, unklare Köpfe durch seine lyrischen Stammeleien noch unklarer zu machen. Neben den barocksten und verworrensten Gedichten gelingt ihm hin und wieder ein sehr gutes. Wir besitzen von ihm die Gedichtsammlungen »Erlösungen«, »Aber die Liebe«, »Lebensblätter«, »Weib und Welt«, ein Drama: »Der Mitmensch« und das Tanzspiel: »Luzifer.«

Frank Wedekind, geb. am 24. Juli 1864 in Hannover, hat sich mit Vorliebe auf dem Gebiete des Dramas oder richtiger des Schwankes bewegt. Er ist der Litteratur-Clown par excellence, dessen tolle Sprünge und Capriolen leider nicht für den Mangel an jeder Handlung in seinen »Dramen«, die Groteskes und Tragisches in kunterbunter Mischung enthalten, entschädigen können. (»Die junge Welt«, »Der Erdgeist«, »Der Liebestrank« u. a.). Um seine litterarische Art und Stellung noch präziser zu kennzeichnen, sei daran erinnert, daß er einer der Hauptmitarbeiter des »Simplizissimus« war.

Wilhelm von Scholz, geb. am 15. Juli 1874 in Berlin, ist Verfasser von Gedichten (»Frühlingsfahrt«, »Hohenklingen«), die eine Neigung zu altdeutsch-romantischer Mystik bekunden, wie auch zweier Dramen oder richtiger lyrischer Gedichte in dramatischer Form (»Der Gast«, »Der Besiegte«), denen dieselben Merkmale anhaften.

Felix Dörmann (Pseudon. für Felix Biedermann), geb. am 29. Mai 1870 in Wien, liebte frühzeitig »die hektischen schlanken Narzissen, alles was krank und faul und wund«. Dieser Geschmacksrichtung entsprechen seine Gedichtsammlungen »Neurotica«, »Sensationen« und die Sittenkomödie »Ledige Leute«, in denen er sich als krampfhafter Dekadent erweist.

Hugo von Hofmannsthal, geb. am 1. Febr. 1874 in Wien, schrieb formschöne, feincisilierte, wenn auch dem Leben abgewandte Dichtungen. Seine Begabung ist hauptsächlich formalistischer und stilistischer Natur und seine Dramen (»Der Thor und der Tod«, »Der Abenteurer«, »Die Hochzeit der Sobeïde«), deren Stoffe zumeist der Märchenwelt entnommen sind, erinnern in vielem an D'Annunzio's letzte Werke. Als eine Bereicherung unserer Bühne sind sie nicht anzusehen.

Hugo Salus, geb. am 3. Aug. 1866 in Böhm.-Leipa, machte sich zuerst durch Gedichte im »Simplizissimus« und der »Jugend« bekannt, in denen schwere Gedanken mit übermütiger Schelmerei, fin-de-siècle-tum mit altdeutscher Romantik in buntem Reigen vorüberziehen. (»Gedichte«, »Neue Gedichte«, »Ehefrühling«.)