An die Stelle des »Magazins«, was Einfluß und Bedeutung anlangt, sind die »Internationalen Litteraturberichte« (Herausgeber Emil Thomas) getreten, die auch der Abonnentenzahl nach die anderen Litteraturblätter weit hinter sich lassen. Sie haben sich die Aufgabe gestellt, alles in ihren Kreis zu ziehen, was an litterarischen Bestrebungen im In- und Auslande in Erscheinung tritt und es in Artikeln, Übersichten, Einzelbesprechungen etc. festzuhalten. Eine Konkurrenz ist ihnen durch das im Verlage von F. Fontane & Co., Berlin, erscheinende »Litterarische Echo« erstanden, das gut geleitet ist und eine Fülle von Notizen bringt, unter denen die Übersichtlichkeit etwas leidet. Ob und inwieweit sich für die Dauer die ständige Berücksichtigung kleinerer Litteratur- und Sprachgebiete, wie des Polnischen, Czechischen u. s. w., für die in Deutschland nur ein ganz bescheidener Interessentenkreis vorhanden ist, empfiehlt, wird der Herausgeber, z. Z. Dr. Ettlinger, bald herausfinden. – Eine besondere Erwähnung, wenngleich infolge ihres unregelmäßigen Erscheinens kaum noch als Zeitschrift aufzufassen, verdienen die »Jahresberichte für deutsche Litteraturgeschichte«, die in übersichtlich geordneten und zusammenhängenden Abschnitten zeigen wollen, welche Bücher, Aufsätze, Artikel und Kritiken auf dem Gebiete der jüngsten Geisteswissenschaft erscheinen, und was sie Neues und Wertvolles enthalten. – Fast ganz auf wissenschaftliche Kreise und Bibliotheken beschränkt war das 1850 von dem hervorragenden Leipziger Germanisten Prof. Friedr. Zarncke gegründete »Litterarische Centralblatt«, das lange darauf verzichtend, eine Übersicht der deutschen Litteratur zu geben, fast ausschließlich Rezensionen einzelner Werke brachte und es dem Einzelnen überließ, aus diesen Bruchstücken sich das Gesamtbild der Litteratur zusammenzusetzen. Erst seit Januar 1900 erscheint eine Beilage zum »Centralblatt«, die vor allem größere zusammenfassende kritische Übersichten der verschiedenen Gattungen dichterischer Werke und orientierende Aufsätze allgemeinen Inhalts enthält.

Dem »Litterarischen Centralblatt« verwandt sind »Euphorion«, die »Deutsche Litteraturzeitung«, das »Allgemeine Litteraturblatt« (das früher unter dem Titel »Österreichisches Litteraturblatt« erschien), die »Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte« und die vor kurzem von Dr. Erich Bischoff gegründete »Zeitschrift für wissenschaftliche Kritik und Antikritik«. Sie sind alle auf einen kleinen Kreis beschränkt und ein wirklicher Einfluß auf unser Litteraturleben ist ihnen kaum zuzusprechen. Die »Blätter für litterarische Unterhaltung«, eine sehr alte und angesehene Zeitschrift, ist seit Januar 1899 aus den Reihen der Litteraturzeitungen verschwunden; selbst der Klang der Weltfirma F. A. Brockhaus, Leipzig, war nicht stark genug, um sie am Einschlafen zu behindern. – An der Spitze der katholischen Litteratur stehen der »Litterarische Handweiser« und die »Deutsche Rundschau für das katholische Deutschland«, beide – sehr oft zum Schaden einer objektiven Kritik, – bemüht, litterarische Interessen mit religiösen Fragen zu verquicken.

Von der Aufzählung der Winkel- und Cliquenblättchen, die ein kärgliches Dasein fristen, um – nachdem Drucker und Verleger um einige Erfahrungen reicher und ein paar Hundertmarkscheine ärmer – wieder in den Orkus zu versinken, wollen wir Abstand nehmen: der Litteratur nützen sie so wenig wie ihren Herausgebern, die da hofften, durch sie eine litterarische Position oder pekuniäre Vorteile zu erlangen.


Der deutsche Verlagsbuchhandel und sein Anteil an der Litteratur der Gegenwart.

Die Cotta, Goeschen, Brockhaus und wie die bedeutenden Buchhändler alle heißen, sind tot, und an Stelle der großen, von weitausschauenden, scharf ausgeprägten Persönlichkeiten getragenen Verlagsgeschäfte, die bestimmenden Einfluß auf die Litteratur ausübten, sind zwar nicht minder große, aber desto unpersönlichere Aktiengesellschaften getreten, die zum weitaus größten Teil den litterarischen Markt beherrschen. Für diese Geschäfte handelt es sich nicht so sehr um die Förderung des Schrifttums durch den Verlag guter Litteratur, sondern in erster Linie um die Erzielung hoher Dividenden, zu deren Erhalt weniger Wert auf die litterarische Bedeutung eines Buches, als auf seine Gangbarkeit zu legen ist. Gerade das Fehlen jedes persönlichen Moments und das ausschließliche Werten eines Werkes nach seiner Absatzfähigkeit, für die ein Anhalt in dem Namen des Autors, hin und wieder auch in dem behandelten Stoffe oder einer momentan herrschenden Strömung liegt, läßt fast alle großen Verlagsfirmen aus einem großen Aufsatz scheiden, der von der Anteilnahme des Verlagsbuchhandels an unserem modernen Schrifttum sprechen soll. Nichtsdestoweniger stehen diese Firmen in erster Reihe, nicht zuletzt durch die großen mit einem enormen Kapitalaufwand gegründeten Familienblätter, durch die sie auf die Geschmacksrichtung und das Urteil des großen Publikums den bedeutendsten Einfluß ausüben. »Über Land und Meer«, »Buch für Alle«, »Zur guten Stunde«, »Moderne Kunst«, »Daheim«, »Gartenlaube«, »Vom Fels zum Meer«, »Für alle Welt« u. s. w. sind Unternehmungen, die das Lesebedürfnis von Hunderttausenden befriedigen, neben den Tagesblättern den größten Teil der litterarischen Produktion an sich reißen und den Wünschen ihres Publikums entsprechend beeinflussen und zustutzen.

Der Buchverlag ist für den Schriftsteller wie für den Verleger in den meisten Fällen nicht mehr lohnend genug und der vom Ertrage seiner Feder lebende Autor gezwungen, Konzessionen zu machen, sein künstlerisches Gewissen auszuschalten und das zu produzieren, was der Moloch, das große Publikum, am liebsten verschlingt: leicht verdauliche Unterhaltungsware. Gerade in der letzten Zeit sind aus den Kreisen der Schriftsteller Stimmen laut geworden, die auf den verderblichen Einfluß hinwiesen, dem ihre eigene Produktion unterworfen ist, seit man sie in die Zwangsjacke der Familienlitteratur gesteckt hat. Das Publikum hat an diesen Zuständen sicher mehr Schuld als die Verleger und Redaktionen der Zeitschriften, die nicht mit dem gebildeten Geschmack einer kleinen Gemeinde, sondern mit dem rechnen müssen, was Hunderttausenden gefällt. Um keine Abonnenten zu verlieren und sie der Konkurrenz in die Arme zu treiben, müssen sie, deren Unternehmungen auf Massenabsatz angewiesen sind, geben, was das große Publikum verlangt, müssen – im Gegensatz zu der Aufgabe eines wahren Familienblattes – verzichten, bildend und veredelnd auf den Geschmack des Volkes zu wirken. Was immer auf dem Gebiete der Litteratur bezw. der Ästhetik seit der politischen Wiedergeburt Deutschlands geleistet wurde: das große Publikum ist davon unberührt geblieben; ja es betrachtet noch heute die Litteratur nicht anders als eine angenehme Spielerei für müßige Stunden. Nur die eine Forderung: die nach mehr Wirklichkeitssinn, nach einer stärkeren Betonung des Lebens und seine Erscheinungen in der Litteratur hat – vielleicht mehr unbewußt, mehr vom Leben und seinen Forderungen selbst beeinflußt – auch im Publikum Anerkennung gefunden. In Bezug auf künstlerisches Verständnis sind keinerlei Fortschritte zu verzeichnen und die Existenzbedingungen des Buchhandels, in dem sich immer mehr eine rein kaufmännische Auffassung des Berufes geltend macht, sind nicht derart, um sich den Luxus gestatten zu können, in künstlerischer Hinsicht erzieherisch auf das Publikum zu wirken.

Der deutsche Buchhandel früherer Zeiten hat für Litteratur und Wissenschaft viel gethan und manches Werk, das weder die Unterstützung einer Regierung, noch einer Akademie oder eines Instituts gefunden hat, verdankt ihm allein sein Erscheinen. Nicht aus Liebe zum Geld, sondern aus Liebe zur Litteratur und Wissenschaft wurden Werke publiziert, für die kein Kaufmann, kein Geschäftsmann eine Hand gerührt hätte. So schrieb noch 1839 ein Gelehrter: »Der deutsche Buchhandel hat von jeher bewiesen, daß er seine eigentümliche Stellung in den nachbarlichen Grenzen der Intelligenz und Industrie zu würdigen wisse. Man prüfe die neuesten Kataloge und entscheide dann, ob jener ehrenhafte Grundsatz: einen Teil des Gewinnes, den die Muse dem häuslichen Altar beschieden, der Muse selber zu opfern, nicht bis auf unsere Zeit herab sich fortgesetzt habe.« Der Anteil, den der Verlagsbuchhandel an dem Wachstum unserer Litteratur, insonderheit an der deutschen Wissenschaft hat, ist sicher ein nicht geringer, aber er ist in den letzten Jahren, seitdem das Großkapital seinen Einzug im Buchhandel gehalten hat, bedeutend zurückgegangen. Die Aktionäre unserer großen Verlagsanstalten legen auf hohe Dividenden bei weitem mehr Gewicht als auf den Ruhmestitel Förderer der Litteratur und Kunst zu sein. Wirft man heute einen Blick in Kataloge, so wird man bei näherem Zusehen finden, daß das litterarische Interesse dem merkantilen gewichen ist, daß alljährlich Tausende von Schriften erscheinen, die nicht in der Absicht, eine Bereicherung unserer Litteratur, sondern eine solche des verlegerischen Geldbeutels herbeizuführen, publiziert wurden. War früher das jüdische Element hauptsächlich im Antiquariats- und Ramschbuchhandel thätig, so hat es sich in neuerer Zeit in hervorragender Weise des Verlagsbuchhhandels als Spekulationsobjekt bemächtigt, und neben angesehenen Firmen, die sich in jüdischen Händen befinden, ist eine ganze Reihe jüdischer Verleger aufgetaucht, die das Buch als Ware ausschließlich als Ware ansieht und demgemäß behandelt. Daß die Litteratur der Neuzeit so wenig Förderung seitens des Buchhandels findet, hat nicht sowohl seinen Grund in der materialistischen Anschauung, die in dem Buche nur ein Handelsobjekt sieht, aus dem so viel als möglich Kapital zu schlagen ist, sondern zum guten Teil auch in dem Mangel an Urteil, der viele Verleger von heutzutage nur nach dem greifen läßt, was sich durch einen klangvollen Namen oder eine hübsche Etikette auszeichnet. Andere wieder sind so im Banne der Moderne, daß sie sich für jedes Werk begeistern, das modern um jeden Preis, selbst um den des guten Geschmacks, erscheinen will, mag es künstlerisch auch noch so unbedeutend sein. An dieser Verständnislosigkeit in künstlerischen Fragen ist nicht zuletzt die Stellung schuld, auf die im Laufe der Zeit die Litteraturblätter und die Revuen mit litterarischem Anstrich herabgedrückt worden sind.