Das Kind lief nämlich von einer zur andern, treppauf, treppab und fragte jede Viertelstunde, ob es noch nicht dunkel würde, und ob das liebe Christkindl noch nit bald käm. –

Endlich, endlich brach der Abend herein. Die Vorsteherin und Fräulein Güssow verweilten schon seit zwei Uhr in dem großen Saale, und in einer Klasse, die dicht daneben lag, saßen erwartungsvoll die Pensionärinnen. Natürlich im Dunkeln, denn Licht durfte vor der Bescherung nicht angesteckt werden.

Lilli fühlte sich etwas unheimlich in der Finsternis. Sie kletterte auf Ilses Schoß und schlang den Arm um ihren Hals.

»Kommt denn das Christkindl noch nit bald?« fragte sie wieder. »Schau, es ist halt schon stockfinster.«

»Nun bald,« tröstete Ilse und drückte Lilli zärtlich an sich. Das Anschmiegen des Kindes that ihr so wohl und seine Liebe machte sie so glücklich. »Bald kommt das Christkind, ach, und wie schön wird das sein! – Soll ich dir ein Märchen erzählen, damit dir die Zeit schneller vergeht?«

»Bitt schön! Vom Hansel und Gretel!«

Ilse hatte indes kaum begonnen »es war einmal«, als Lilli ihr den Mund zuhielt.

»Nit weiter!« unterbrach sie, »ich mag das heut nit hören! Ich muß immer an das Christkindl denken. Kennst du das liebe Christkindl, Ilse? Hast du’s schon g’schaut?«

»Nein,« sagte Ilse, »gesehen habe ich es noch niemals. Niemand kann es sehen, es wohnt nicht auf der Erde.«

»Wohnt es im Himmel?« fragte Lilli. »Schau, da möcht’ ich halt auch wohnen, da ist’s schön, nit? Da singen [pg 132]die lieben Englein, und die lieben Englein, die wohnten früher auf der Erde, das waren die artigen Kinder, nit? – Der liebe Gott hat sie in sein Himmelreich geholt, nit wahr, Ilse?«