»O nein,« entgegnete Nellie eifrig und leicht errötend, »Doktor Althoff würde mir verstehn. Er weiß, wie es in mein Herz aussieht!«

Das kam Ilse äußerst komisch vor und sie neckte die Freundin damit sehr. »Er hätte viel zu thun, wenn er in alle eure Herzen blicken wollte!« rief sie lachend, »und wenn er sich wirklich einmal die Mühe gäbe, so würde er euch schön verhöhnen, dich und alle die andern, die ihr für ihn schwärmt.« –

Ilse lernte jetzt mit rechtem Eifer und schon längst war ihr das Arbeiten keine Last mehr. Das Zeichnen machte ihr besondre Freude, und seitdem der Papa so glückselig über die ihm geschenkte Rose geschrieben, strebte sie darnach, auch das zu erreichen, was derselbe in seiner blinden Liebe zu ihr schon erreicht sah. Er hielt sie bereits für eine Künstlerin [pg 146]und mit Stolz hatte er ihr geschrieben, daß er die Rose habe einrahmen lassen und daß sie nun über seinem Schreibtisch hänge. Ilse war gar nicht damit einverstanden, sie wußte ja genau, wie der zärtliche Papa jeden Besuch, der zu ihm kam, zu ihrem schwachen Erstlingswerk führen werde.

Auch die Mama war hocherfreut über Ilses Weihnachtsgeschenke gewesen. Sie gaben ihr ein glänzendes Zeugnis von deren Fortschritten und der Ausdauer, die der Wildfang bis dahin nicht gekannt hatte. Die größte Freude indes hatte sie an Ilses Dankesbrief gehabt. Es war das erste Mal, daß sie in so herzlich warmer Weise das Wort an sie richtete und Frau Annes Augen füllten sich mit Thränen freudiger Rührung. Sie fühlte jetzt bestimmt, daß die Zukunft ihr Ilses volle Liebe bringen werde. –

Die längst ersehnten Tanzstunden hatten bereits seit vierzehn Tagen begonnen und brachten etwas Abwechselung in das gleichmäßige Pensionsleben. Zweimal in der Woche kam von sechs bis acht Uhr abends der Tanzlehrer mit einer Geige und unterrichtete im großen Saale.

Nicht alle Zöglinge nahmen teil daran. Die kleineren Mädchen nicht und auch die Engländerinnen schlossen sich aus, sie verstanden noch zu wenig Deutsch, auch konnten sie vorläufig keinen Geschmack an den einförmigen Pas finden. Melanie konnte das freilich auch nicht und fand bis jetzt die Tanzstunde ›furchtbar öde‹.

»Es ist ein furchtbar langweiliges Vergnügen, diese Hüpferei,« äußerte sie auf einem Spaziergange zu Flora, »wozu diese Pas – diese Verbeugungen? Wir können doch alle schon tanzen, und wie wir uns zu verbeugen haben – und grüßen müssen, das wissen wir doch erst recht. Wir sind doch erwachsene Mädchen!«

»Ach!« seufzte Flora und ein schwärmerischer Blick glitt seitwärts über den spiegelglatten Teich – zu den schlittschuhlaufenden Gymnasiasten hinüber – »ach! das möchte noch [pg 147]alles gehen. Das Fürchterlichste ist doch, daß wir zwei volle Monate ohne Herren tanzen müssen!«

»Wie furchtbar öde!« Melanie rief es ordentlich entrüstet. »Man behandelt uns wahrhaftig mit puritanischer Strenge! Ohne – Herren! Es ist kaum zu glauben!«

»Ja, mit puritanischer Strenge!« wiederholte Flora, der dies Wort außerordentlich gefiel. »Ich begreife nicht, warum uns der Verkehr mit den Herren so lange entzogen wird. Man behandelt uns eben wie Kinder!«