Nellie hatte die Papierstückchen von der Erde aufgenommen und dieselben so ziemlich wieder zusammengesetzt auf ihrer Kommode. Nun las sie die Zeilen vor. Sie waren von demselben Verfasser und enthielten die gleiche Bitte, nur waren die Worte ein wenig anders gesetzt, auch nannte er Nellies Züge ›liebreizend‹ anstatt ›klassisch‹.
Sie wurde doch etwas herabgestimmt bei dieser Entdeckung, die siegesstrahlende Melanie! Einen Augenblick schwieg sie und sah Nellie an.
»Was thun wir, Nellie?« fragte sie dann, »wir können doch Herrn Breitner die Bitte nicht abschlagen!«
»Du darfst dein Bild nicht geben!« platzte Grete, die nebenbei etwas Neid gegen die weit hübschere Schwester [pg 160]empfand, heraus. »Auf keinen Fall, oder ich schreibe es dem Papa!«
»Dich habe ich nicht um deine Meinung gefragt!« gab Melanie kurz zur Antwort. »Nellie, was sagst du?«
»Aber, Melanie!« rief Ilse ganz erregt, »wie kannst du nur einen Augenblick im Zweifel sein! Du wirst doch wahrhaftig dein Bild nicht an einen Herrn verschenken, der dir eigentlich ganz fremd und noch kein ordentlicher Herr ist! Er will dich zum Narren halten, weiter nichts!«
»Du schwatzest geradezu Unsinn, liebe Einfalt vom Lande!« entgegnete Melanie gereizt. »Was verstehst du denn unter ›ordentliche Herren‹?«
»Solche, die nicht mehr in die Schule gehen und auf Schulbänken sitzen!« erklärte Ilse. »Herr Georg Breitner wird dein Bild mit in die Klasse nehmen und die ›Herren‹ Schüler werden es bewundern. Dann bist du furchtbar blamiert!«
»Nellie, du bist ja so still!« wandte sich Melanie etwas kleinlauter als vorhin an diese, »sage doch, was wir thun sollen!«
»O gar nix!« entgegnete dieselbe trocken, »wir werden thun, als ob wir der dumm’ Brief nicht bekommen haben.«