»Und sie ist nicht einmal meine rechte Mutter,« fuhr Ilse nachdenklich fort. »Ach Nellie, ich habe sie oft recht sehr gekränkt! Glaubst du wohl, daß sie mir vergeben wird?«
Ilses Herz war so weich und empfänglich durch den Schmerz geworden und eine ernste, weihevolle Stimmung durchdrang ihr ganzes Wesen. Nie waren ihr bis dahin ähnliche Gedanken gekommen, und wäre es der Fall gewesen, hätten sie früher einmal bei ihr angeklopft, sie würden keinen Einlaß gefunden haben. Heute war es anders, sie hatte das Bedürfnis, sich gegen ihre Herzensfreundin auszusprechen und sich anzuklagen.
»O mach dich kein Kummer darum, Kind. Deine Mutter hat ein so liebesreiche Herz, kein Titelchen Bosheit für dir ist darin. Sie vergebt dir alles. Du warst ja auch noch ein ungezogen, dumm’ Baby, als du bei sie warst, jetzt aber bist du eine sehr anständige (sie meinte verständige) junge Dame.«
»Ist das dein Ernst, Nellie?« fragte Ilse und sah mit ihren Kinderaugen Nellie zweifelnd an.
»Es ist mein Ernst, und ich gebe dir den guter Rat, schreibe an deiner Mutter ein lang’ Brief und bitte ihr um Verzeihung.«
Ilse überlegte einen Augenblick. »Du hast recht, Nellie,« sagte sie dann entschlossen, »ich werde ihr schreiben, ich bin es ihr schuldig. Heute noch will ich es thun! Wenn sie mir nur bald darauf antwortet, ich werde nicht eher ruhig sein!«
Als sie sich eben niedergesetzt hatte, ihr Vorhaben auszuführen, trat Flora mit strahlenden Augen ein.
»Ich muß euch meine neuesten Gedichte vorlesen,« sagte sie erregt, »sie sind das beste, was ich bis jetzt geschrieben habe! Ihr müßt mich anhören!«
Und sie entfaltete ein starkes Heft, in welchem sie Lillis Tod in den verschiedensten Dichtungsarten besungen hatte.
Elegie auf den Tod einer vom Sturm geknickten Rosenknospe!