Als ob sie sich auf einem schweren Unrecht ertappt, so schnell schloß sie das Buch und barg es in einem versteckten Fach ihres neuen Schreibtisches. Fort mit den thörichten Gedanken, die ihr Unruhe machten und an denen nur Cha[pg 244]missos Lieder die Schuld trugen! Sie wollte sie niemals wieder lesen – niemals! –

Drei Wochen waren Ilse im elterlichen Hause vergangen und sie fühlte sich so glücklich und wohl darin, wie nie zuvor. Gleich in den ersten Tagen hatte sie ihre Zeit nützlich eingeteilt. Auf ihren Wunsch gab ihr der Prediger noch einige Nachhilfestunden in verschiedenen wissenschaftlichen Fächern. Er war überrascht über die Fortschritte seiner früheren Schülerin, besonders aber freute er sich über ihren Ernst, ihre Beständigkeit beim Lernen. Er hatte sich nicht geirrt, als er die Pension einen Segen für Ilse genannt.

Auch Frau Anne segnete das Institut, das aus dem wilden Kinde eine liebliche, sinnende Jungfrau geschaffen hatte. Eine solche Umwandlung hatte sie vor Jahr und Tag kaum für möglich gehalten. An Ilses gutem Herzen hatte sie niemals gezweifelt, aber sie war überrascht von der geduldigen Liebe, die sie dem kleinen Bruder entgegenbrachte. Nur der Amtsrat konnte sich noch nicht in sein verändertes Kind finden. Manchmal sah er es prüfend von der Seite an, als ob er fragen wollte: »Ist sie es, oder ist sie es nicht?«

»Ich weiß nicht,« sagte er eines Tages zu seiner Gattin, »Ilse ist mir zu zahm geworden. Ich kann mir nicht helfen, aber mein unbändiges Kind mit dem Loch im Kleide gefiel mir besser, als die junge Dame im modischen Anzuge.«

»Aber Ilse ist jetzt wirklich eine junge Dame, lieber Richard,« lachte Frau Anne, »sie ist kein Kind mehr und du mußt dich daran gewöhnen, sie nicht mehr als solches anzusehn. Uebrigens ist sie so heiter und ausgelassen wie früher, nur hat sie gelernt, ihren Uebermut zu zügeln. Ich bin sehr zufrieden, wie sie ist, und bin ganz stolz auf mein Töchterchen.«

»Du magst ja recht haben,« entgegnete Herr Macket, ohne indes von der Wahrheit ihrer Worte überzeugt zu sein, »und mit der Zeit werde ich mich auch an das erwachsene Mädchen gewöhnen, aber ich glaube, es wird noch mancher Tag darüber hingehn.«

»Wer weiß! Wer weiß! Ilse reißt dich vielleicht, ehe du es denkst, aus deiner Täuschung und giebt dir den Beweis, daß sie kein Kind mehr ist.«

»Ich verstehe dich nicht, liebe Anne,« sagte der Oberamtmann und sah seine Frau fragend an, »du sprichst so geheimnisvoll und machst mich neugierig.«

»Ich habe eine Beobachtung gemacht und glaube nicht, daß ich mich täusche. Der junge Gontrau ist Ilse nicht gleichgültig geblieben.«

Sprachlos blickte Herr Macket seine Frau an. Eine solche Möglichkeit zu fassen, war er nicht im stande, sie war ihm noch niemals in den Sinn gekommen.