»Miß Lead glückwünschte mir auch, aber wenn sie auch meiner Landsmann ist, war sie doch kalt wie ein Frosch. Ich glaube, sie hat viel Neid. Aber ich mache mir nix davon [pg 252]und strahle voll Wonne. Fräulein Güssow freut sich furchtbar über mein Glück, ich habe sie so lieb als eine Schwester und bitte jetzt alle Tag der liebe Gott, daß er sie von ihr schwer’ Beruf ablöse, sie ist zu gut für ein streng’ Lehrerin.

»Unsre Freundinnen waren reizend nett! das heißt nicht alle, denn Melanie und Grete sind schnell abgereist, weil ihr Mutter krank war, sie wissen noch nichts. Orla beschenkte mir gleich mit ein kostbar Armband zum Andenken und zur Freude über unsre Verlobung. Das klein’ Lachtaube konnte vor Lachen kein Wort sagen. Rosi sprach ›artige‹ Worte wie immer, und Flora? Sie machte ein lang Gesicht und sah Alfred mit ein schwärmerischer Blick an, dann drückte sie uns stumm die Hände. Gestern hat sie mir mit ein lang ›Elegie an ein Braut‹ beglückt, sie ist sehr schön wie alle Gedichte von Flora.

»Heute früh ist mein Alfred abgereist zu sein Mutter, das war ein sehr schwer’ Abschied! Wir fühlten uns gegenseitig ein wenig schwanken, doch ließe wir die Kopfe nicht fallen. Ich schluckte die Thränen tapfer hinter, Fräulein Raimar sollte mir nicht schwächlich sehen. Alfred kommt ja auch bald zurück, nur acht Tage ist er fort.

»Nun leb’ wohl, dear Ilschen. Ich habe Dir ein langer, langer Brief geschrieben, nun antworte mich gleich, bitte, bitte! Ich freu’ mir furchtbar auf Dein Brief, Du kommst doch zu mein Hochzeit? Neujahr werden wir getraut. Tausend Küsse, mein Herzkind, und grüße Deine lieber Eltern und das klein Babi von

Dein
seligste Nellie.«

»Nellie Doktor Althoffs Braut!« rief Ilse jubelnd. »Nun wird sie keine Gouvernante, Mama!«

»Nein, nun hat sie die beste Heimat gefunden!« entgegnete Frau Macket, die zuweilen über Nellies komische Aus[pg 253]drücke gelacht, zuweilen aber auch eine Thräne der Rührung nicht zu unterdrücken vermocht hatte, »sie ist dem alleinstehenden Kinde von Herzen zu gönnen. Es muß ein liebes, drolliges Geschöpfchen sein, ihr Brief giebt ein sprechendes Zeugnis davon.«

Wenn Ilse auf dieses Kapitel kam, war sie unerschöpflich. Frau Anne mußte sie ernstlich mahnen, sich anzukleiden.

»Gleich, Mama, gleich! Ich werde mich furchtbar eilen!« Aber zwischen Thür und Angel wandte sie sich noch einmal, um zu fragen, warum Doktor Althoff sich wohl gerade in Nellie verliebt haben möge. Die Antwort auf diese sonder[pg 254]bare Frage wartete sie indes nicht ab, sondern sprang die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.