»Nun bist du meine Ilse!« rief er aus und zog sie an sein Herz, doch als er den ersten Kuß auf ihre Lippen drücken wollte, da wendete sie den Kopf zur Seite und die spröde, widerspenstige Ilse meldete sich noch einmal.

»Küssen ist nicht erlaubt,« erklärte sie mit aller Entschiedenheit, »wie könnte ich mich von einem fremden Manne küssen lassen?«

»Aber die Hand,« bat er lachend, »die Hand darf ich küssen!«

Das wurde ihm gnädig bewilligt.

Er hielt sie noch in dem Arm, als die beiden Elternpaare auf der Veranda erschienen. Alle hatten sofort begriffen, was hier geschehen war, nur der Oberamtmann stand wie versteinert da. Der Landrat und seine Gattin waren die ersten, die das Brautpaar begrüßten, beglückt nahmen sie Ilse als ihr Töchterchen an ihr Herz. Herr Macket hatte sich noch nicht vom Flecke gerührt.

Frau Anne trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. »Siehst du, Richard, aus dem Kinde ist eine Jungfrau geworden, glaubst du es nun?« fragte sie zärtlich.

»Ilse! Meine kleine Ilse!« brachte er endlich mühsam hervor und seine Brust hob und senkte sich im heftigen Kampfe. »Ist es wahr? Willst du mich verlassen?«

Da flog sie an seinen Hals und küßte ihn stürmisch, dabei rief sie unter Weinen und Lachen: »Mein kleiner, einziger Herzenspapa, ich habe ihn ja so lieb!«

* * *

Nun ist eigentlich meine Erzählung zu Ende, denn die überraschten Gesichter der Gäste zu schildern ist langweilig, selbst wenn die Ueberraschung ihnen so unerwartet kam, wie [pg 265]Ilses Verlobung am Erntefeste. Eins aber muß ich meinen lieben Leserinnen noch mitteilen, wie nämlich Onkel Curt an demselben Tage plötzlich verschwunden war. Während alle fröhlich bei der Tafel saßen, hatte er sich von Johann still und ohne Aufsehen nach dem Bahnhof fahren lassen.