»Ist deine Mutter tot?« fragte Ilse teilnehmend.
»O sie ist lange, lange tot,« entgegnete Nellie. »Sie starb, als ich noch eines klein Baby war. Meine Vater ist auch tot – ich bin ganz allein. Niemand hat mir recht von Herzen lieb.«
»Arme Nellie,« sagte Ilse und ergriff ihre Hand. »Aber du hast Geschwister?«
»O nein! keine Schwester – ganz allein! Ein alte Onkel laßt mir in Deutschland ausbilden, und wenn ich gutes Deutsch gelernt habe, muß ich ein Gouvernante sein.«
»Gouvernante!« rief Ilse erstaunt. »Du bist doch viel zu jung dazu! Alte Mädchen können doch erst Gouvernanten werden!«
Ueber diese naive Anschauung mußte Nellie herzlich lachen, und nun war ihre traurige Stimmung wieder verschwunden und ihre angeborene Heiterkeit brach hervor, wie der Sonnenstrahl durch graue Wolken. Auf Ilse aber hatte Nellies Verlassensein einen tiefen Eindruck gemacht.
»Laß mich deine Freundin sein,« bat sie in ihrer kindlich offnen Weise, »ich will dich auch sehr lieb haben.«
»Gern sollst du meine Freundin sein,« entgegnete Nellie und reichte Ilse die Hand. »Du hast mich von der erste Augenblick so nett gefallen.«
Der große Koffer war nun leer, und Nellie ergriff den kleinen und war eben im Begriffe die Riemen desselben loszuschnallen, als Ilse ihr ihn unsanft aus der Hand nahm.
»Der bleibt geschlossen!« sagte sie, »du darfst nicht sehen, was darin ist!«