Am Abend, als Nellie und Ilse sich schlafen gelegt hatten, als Fräulein Güssow bereits ihre Runde gemacht, als das Licht gelöscht und alles still im Hause war, rief Nellie, »wachst du, Ilse?«
»Ja,« antwortete diese, »was soll ich?«
»Zieh dir leise an, wir wollen dein kleiner Koffer auspacken.«
»Es ist ja aber dunkel,« meinte Ilse.
»O laß nur, ich habe schon eine Licht.«
Leicht und unhörbar stieg Nellie aus ihrem Bette und [pg 53]ging auf Strümpfen an ihre Kommode. Sie zog den oberen Kasten vorsichtig heraus und nahm einen kleinen Wachsstock aus demselben. Nachdem sie ihn angezündet hatte, stellte sie ein Buch davor, damit kein Lichtschimmer durch das Fenster drang.
»Ist doch fein, nicht?« fragte sie. »Nun eile dich aber,« trieb sie Ilse, die sich flüchtig ankleidete.
»Wo hast du der Schlüssel?«
»Hier habe ich ihn,« entgegnete Ilse und zog ihn unter dem Kopfkissen hervor, »ich werde selbst aufschließen.«
Nellie leuchtete mit dem Wachsstocke und hielt die Hand davor. Vornübergebeugt stand sie in neugieriger Erwartung, der Schätze harrend, die sich vor ihren Augen aufthun würden. Recht enttäuscht wurde sie, als Ilse anfing auszupacken. Die erwarteten Delikatessen – Nellie war eine Freundin davon – kamen nicht zum Vorschein.