Der Rock war ihr zu kurz, da sie etwas größer als Ilse war, unter demselben sah das lange, weiße Nachtgewand hervor, die Bluse war stellenweise zerrissen und Nellie hatte den Aermel verfehlt und war durch ein großes Loch dicht daneben herausgefahren, so daß der Aermel auf dem Rücken hing. Nachdem sie auch noch den schäbigen Ledergürtel um ihre zierliche Taille geschnallt hatte, stand sie fertig da, bis auf die Stiefel, die sie nicht anziehen mochte, weil sie zu schmutzig waren.

»Bequem ist diese Kostüm, das ist wahr,« sagte sie und fing an, allerhand lustige Sprünge auszuführen und sich im Kreise zu drehen. »Man ist so luftig – so leicht!«

Ilse brach plötzlich in ein so herzhaftes Gelächter aus, daß Nellie auf sie zueilte und ihr den Mund mit der Hand verschloß.

»Du darfst nicht so toll lachen,« sagte sie, »du wirst uns verraten!«

»Ich kann nicht anders, du siehst ja zum totlachen aus.«

Nellie trat mit dem Wachsstocke vor den kleinen Spiegel und betrachtete sich.

»O wie abscheulich!« sagte sie und riß die Sachen herunter, »wie kannst du so ein häßlicher Anzug schön finden!«

Ilse verschloß ihre Herrlichkeiten wieder in den Koffer, dann wurde das Licht gelöscht und in wenigen Augenblicken schliefen die beiden Mädchen fest und tief.

* * *

Vierzehn Tage waren seit Ilses Aufnahme in der Pension vergangen. Manche bittre Thräne hatte sie in der kurzen Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit erschien, geweint, und oft, recht oft hatte sie die Feder angesetzt, um dem Vater zu schreiben, daß er sie zurückholen möge. Nur weil sie sich vor der Mutter scheute, that sie es nicht. Erst zweimal hatte sie die vielen und langen Briefe, die sie aus der Heimat erhalten, beantwortet, nur ganz kurz und mit der Entschuldigung, daß ihr die Zeit zu längeren Briefen fehle.