Fräulein Raimar hatte bereits das Zimmer verlassen, doch die Thür desselben hinter sich offen gelassen, sie hielt sich noch auf dem Korridor auf. Welchen Aufruhr sie in Ilse heraufbeschworen, ahnte sie nicht, sie würde ihn auch schwerlich begriffen haben, glaubte sie doch fest, durch eine öffentliche Beschämung Ilses Widerstand ein für allemal geheilt zu haben. Wie wenig verstand sie ein leidenschaftliches Gemüt! Gerade das Gegenteil hatte sie hervorgerufen. Ilses wilder Trotz stand in lichterlohen Flammen.
»Neckt sie nicht!« gebot Fräulein Güssow, die Ilse besser verstand. »Ich will nicht, daß ihr sie auslacht!«
Und Nellie, die einzige, welche mitleidig dem ganzen Auftritt zugesehen, nahm gutmütig den verachteten Strumpf in die Hand, um ihn wieder in Ordnung zu bringen.
»Laß!« rief Ilse und ihr ganzer Grimm entlud sich auf Nellies unschuldiges Haupt, »laß! Was kümmern dich meine Sachen?«
»Gieb doch her,« bat diese sanft, »ich mach’ dich alles wieder gut.«
Aber Ilse hörte nicht darauf und riß es Nellie aus der Hand, und ehe noch diese sie zurückhalten konnte, warf sie im höchsten Zorne das unglückselige Strickzeug gegen die Wand. Die Nadeln schlugen klirrend aneinander und das Knäuel kollerte weit fort, zur offnen Thür hinaus, bis zu den Füßen der Vorsteherin.
Vielleicht hätte dieselbe kein Arg an diesem kleinen Zufall gefunden, wenn nicht zu gleicher Zeit laute Ausrufe wie »Ah!« und »o!« ihr Ohr getroffen und ihr verkündet hätten, daß etwas Unerhörtes passiert sein müsse.
»Was giebt es?« fragte sie hastig eintretend. Sie erhielt keine Antwort; aber ihr Blick fiel auf das Strickzeug am Fußboden und sie erriet das Ganze.
»Warfst du es absichtlich hierher?« richtete sie an Ilse die Frage, und ihre Stimme bebte vor Aufregung, in ihren [pg 66]stets so ruhig blickenden Augen blitzte es unheimlich auf. – »Antworte – ich will es wissen!«
»Ja,« sagte Ilse.