Die Früchte kollerten bis an das Ende des Zimmers zu Nellies Entsetzen.
»O, was thust du!« flüsterte sie und erhob drohend die Finger. »Die Köchin schläft unter dieser Zimmer, soll sie von der Spektakel aufwachen?«
»Bärbchen schläft fest, ich höre sie draußen schnarchen,« gab Ilse zurück. – »Wir können ganz ohne Sorge sein – alles schläft – alles ist still und dunkel. – Nun lebe wohl, Nellie, jetzt trete ich meine Reise an. Ach, es ist köstlich hier!«
Plötzlich bekam es Nellie mit der Angst. »Ich zittre für dir,« sprach sie mit bebenden Lippen, – »komm wieder her, – es könnte ein Unglück sein.«
Ilse lachte in sich hinein und stieg keck höher und höher. Sie war so recht in ihrem Elemente und frei wie der Vogel in der Luft regte sie ihre Schwingen.
Bald hatte sie die Spitze erreicht. Der Mond schien voll und klar und zeigte ihr jeden Schritt, den sie zu machen hatte. Als sie in gleicher Höhe mit dem Schlafgemache Orlas [pg 94]und der Schwestern war, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, einen Blick in das Fenster zu thun. Vorsichtig und behende balancierte sie auf dem Ast, der sie trug und dessen grüne Spitzen beinahe das eine Fenster berührten, und sah hinein.
Ruhig, nichts ahnend lagen die Schläferinnen da, hell vom Mondlicht beschienen.
Einen Augenblick regte sich der Uebermut in ihr. Ob sie den Mädchen einen Schabernak spielte? »Nur einmal gegen die Fensterscheibe klopfen,« dachte sie, und schon streckte sie den Finger aus dazu, – da bewegte sich Orla im Schlafe. Unwillkürlich fuhr Ilse zurück und ihre tolle Idee blieb unausgeführt.
Es hingen so viel schöne Aepfel rechts und links und überall, mit kleiner Mühe hätte sie in wenigen Augenblicken ihr Körbchen damit füllen können, aber dazu hatte sie keine Lust, immer höher hinauf strebte ihr Verlangen, sie hatte nun einmal die Freiheit gekostet, so schnell wollte sie dieselbe nicht wieder aufgeben. Die Krone des Baumes war ihr Ziel, wohl eine beschwerliche Fahrt, aber sie schreckte nicht davor zurück.
Wie ein Bube erklomm sie die manchmal schwer zu erreichenden Zweige, – ein einziger Fehltritt und sie lag unten mit zerbrochenen Gliedern, – dieser Gedanke kam ihr nicht in den Sinn, sie hatte daheim ganz andre tollkühne Kletterpartien ausgeführt und jede Furcht vor Gefahr verlernt.