»Es soll hier jemand in das Fenster bei euch gestiegen sein,« antwortete Fräulein Raimar, die mit den übrigen Fräulein Güssow gefolgt war.
Nellie stockte der Atem vor Angst. Was sollte sie beginnen? Die Wahrheit gestehen? Unmöglich! Es wäre zugleich Ilses und ihre Entlassung aus der Pension gewesen. Und lügen? Sie wäre nicht dazu im stande gewesen. Entsetzt blickte sie die Vorsteherin an und gab keine Antwort.
Dieselbe deutete Nellies stummes Entsetzen anders und sah es für eine Folge des plötzlichen Schreckens an.
»Nun, nun,« beruhigte sie, »du darfst dicht nicht weiter ängstigen. Orla und die Schwestern wollen durchaus einen lauten Schrei gehört haben und Orla behauptet fest, es sei ein Gespenst vor ihrem Fenster vorbeigeflogen und hier in eurem Zimmer verschwunden.«
»O, eine Gespenst! Wie furchtbar!« wiederholten Nellies zitternde Lippen und ihr blasses Gesicht – die Angst, die sich in ihren Zügen malte, erweckten Mitleid in Fräulein Raimars Herzen.
»Beruhige dich nur,« sagte sie, »die Mädchen werden geträumt haben. Das ganze Haus haben sie in Aufruhr gebracht. – Ich denke, wir legen uns wieder nieder,« wandte sie sich zu Fräulein Güssow, »es ist das beste Mittel, die aufgeregten Gemüter zur Ruhe zu bringen.«
Schon im Herausgehen begriffen, fiel ihr die schlafende Ilse ein. Sie trat an das Bett derselben und beugte sich leicht darüber. »Ist denn Ilse gar nicht erwacht von dem Spektakel?« fragte sie erstaunt.
Mit Todesangst verfolgte Nellie jede Bewegung der Vorsteherin. Wenn sie sich ein wenig zur Seite wandte, wenn ihr Blick das Fußende des Bettes streifte – dann waren sie verloren. Unter dem Deckbette – o Entsetzen! sah eine Spitze von Ilses fürchterlichem Stiefel vor.
»Sie hat immer ein so fester Schlaf,« brachte Nellie müh[pg 101]sam hervor und plötzlich – im Augenblicke der höchsten Not kehrte ihre Geistesgegenwart zurück.
»Bitte, bitte, Fräulein Güssow,« sagte sie und erhob flehend die Hände, »sehen Sie unter meines Bett, ob keine Gespenst daliegt.«