»Er lebt, er ist da, es behielt ihn nicht.«

Er gestand, daß es ihm jedesmal Ueberwindung koste, sich den Fluthen anzuvertrauen; besonders das erste Mal sei ihm das Brausen der einströmenden Luft in den metallenen Helm furchtbar gewesen; einmal ward ihm am Grunde des Meeres übel, doch konnte er seinen Zustand durch ein Zeichen kund geben; er bleibt aber immer mancherlei Gefahren ausgesetzt – der Schlag kann ihn vor Hitze rühren; wird zu rasch gepumpt und zu viel Luft eingelassen, so erstickt er, was auch geschieht, wenn das Wasser einen Eingang in seine Kopfbedeckung findet. Die Dirigenten gestanden mir, daß keiner von ihnen das Wagstück versuchen würde; ich glaubte es gerne, sagte mir dasselbe und bewunderte den Muth des Tauchers um so mehr; er ist ein kaiserlicher Matrose und heißt Nicolo Rendich; er hat edle, aber krankhaft ernste Züge, und ist von feiner, fast schmächtiger Gestalt. –

Die Erscheinung einer Fata morgana auf dem Meere, die ich schon längst zu sehen gewünscht hatte, wurde mir eines Morgens in Triest zu Theil, obwohl sie in diesem Hafen nicht sehr häufig ist. Wir waren nach dem Frühstück auf den Balcon getreten, von welchem man die Aussicht auf die weite See genießt, als ich über dem Horizonte eine zweite Wasserfläche zu sehen glaubte, an deren unterer Seite Segelschiffe umgestürzt dahinflogen, und nie gesehene Küsten sich dem Auge zeigten; es war der zauberhafte Anblick eines Doppelmeeres, in dessen Scheidung sich die verschiedenartigsten Gegenstände darstellten; die schönste Sonne beschien das Schauspiel, das lange genug dauerte, um dasselbe mit Muße betrachten zu können; zuletzt zerrann das Bild wie ein schöner Traum in blauen Dunst. – Wir hielten uns nur anderthalb Tage in Triest auf und durchschnitten dann am schönsten Morgen auf dem prächtigen Dampfer Vulkan die adriatischen Fluthen, um ins schöne Hellas zu schwimmen.

Mein Gefühl, als der Hafen unsern Blicken entschwand, war das eines Siegers; denn mein liebster Wunsch ward in diesem Augenblicke erfüllt. Tausend Pläne und Hoffnungen durchkreuzten unsere Köpfe, so daß dieser Abschied einer von den heitersten war, den ich je erlebte.

Der erste Tag auf griechischer Erde.

Den 8. September 1850.

Gegen fünf Uhr Morgens trat ich auf das Verdeck und ward fast überwältigt von dem herrlichen Anblick, der sich mir darbot. In milden, rosenfarben Umrissen ruhte der wundervolle, weit ausgedehnte Golf Patras in der Dämmerung. Die Berge des Peloponnes und die hohen Felsenspitzen von Rumelien glühten im Wiederscheine der kommenden Sonnenstrahlen; zauberhaftes Halbdunkel lag auf den Ufern des blaugrünen ruhigen Meeres. Der südliche Himmel wölbte sich ins Unbegrenzte; die Farben waren in großen, massenhaften Tönen aufgetragen, vom tiefsten Blau der fernen Gebirge bis zum glänzendsten Rosenroth der leuchtenden Felsen; Man rühmt als das Schönste in der Natur einen Morgen in den Alpen; ich habe ihn gesehen, und es ist fürwahr ein großes Schauspiel; doch bleibt die Pracht und Gluth des Südens unerreicht, und die leichten Nebel in den tiefen Thälern ersetzen nicht den Zauber des Meeres. Links von uns sahen wir Missolunghi schimmern, wo die dankbaren Griechen Lord Byron ein Denkmal gesetzt haben; er starb hier, zum Befreiungskampfe für ein Land gerüstet, dessen Reize er in unsterblichen Gedichten besungen hat. Vor uns lag in dunklen Umrissen Patras; ihm zur Linken der Eingang des Meerbusens von Lepanto, den der Schimmer des jungen Tages in ein Silberband verwandelte. Plötzlich stieg in der Richtung von Korinth die Sonne empor, und die Natur jauchzte in neuem Leben. Kaum aber sahen wir die goldenen Strahlen auf den Wogen tanzen, als die Schnelle unseres Dampfers schon die hohen Gebirge von Patras zwischen uns und die Sonne legte; dann sahen wir sie noch einmal aufgehen, und diesmal blieb sie uns treu und erfreute uns mit ihrer südlichen Kraft. Nun sahen wir auch die Stadt vom Grün üppiger Weingärten umgeben. Von einer venetianischen Festungsruine gekrönt, zieht sich ihre lange, aber nicht sehr breite Häusermasse längs der Schiffsrhede hin. Da wir seit Pola nicht gelandet waren, zeigte sich uns der Süden ohne Uebergang. Die Berge waren meist entwaldet und felsig, desto lachender die Ufer; bald umgaukelten unser Schiff leichte Fischerbarken mit neugierigen Hellenen in weißen Fustanellas und malerischem Fessi, die nach den neuen Ankömmlingen spähten. Wie Schwäne durchzogen sie mit ihren dreieckigen kleinen Segeln die hellgrünen, durchsichtigen Fluthen. Als wir ungefähr zweihundert Schritte vor der Stadt Anker geworfen hatten, näherten sich mehrere Bote mit der Bitte, unser Schiff besehen zu dürfen, was aber nicht gestattet wurde, weil wir erstens keine pratica hatten, und diese Besuche für die beweglichen Gegenstände etwas gefährlich sind. Nachdem der Anker, der Erste von uns, auf griechischer Erde Fuß gefaßt hatte, konnten wir die Stadt und ihr Treiben von weitem betrachten; es war ein ausgesucht schöner Tag, wie man sich ihn zum ersten Blicke in ein heißersehntes Land nur wünschen kann; auch bemächtigte sich meiner die nur dem Reisenden bekannte Wonne, wenn er das Ziel seiner Wünsche erreicht hat. Der äußere Anblick der Stadt hat einen süditalienischen Anstrich; die Häuser sind in unregelmäßigem, malerischen Gemenge gebaut, und überall blickt die freundliche Rebe zwischen den Mauern durch. Patras ist an den Rücken einer Anhöhe gelegt, die sich unmittelbar an das hohe Gebirge lehnt; die untersten Häuser reichen bis an das Meer. Im Alterthum war es von geringer Bedeutung; es enthält auch mit Ausnahme einiger Sarkophage keine Erinnerungen an dasselbe; unter den Venetianern ward es durch das ziemlich bedeutende Fort wichtig; in der Geschichte Neugriechenlands aber wird es unvergessen bleiben; denn das der Stadt nahe Kloster Megasderion war die Wiege des aufstrebenden Hellas. Hier wurde von dem Erzbischof der Stadt der Kampf gegen die Ungläubigen für heilig erklärt, und das Panier mit dem weißen Kreuze aufgesteckt. Auch durch die Zahl der Einwohner und durch den Seehandel, dessen Hauptgegenstand getrocknete Trauben sind, ist Patras eine der bedeutendsten Städte Griechenlands. Von Tag zu Tag vergrößert sich sein Umfang. – Da es Sonntag war, so trafen wir die ganze Bevölkerung in malerischem Putz und regem Leben; Hunderte von Griechen mit den weiten Fustanellen sah man den Quai entlang dem Ton der Glocken, die zur Messe riefen, folgen; auch die Zahl der um uns kreisenden Barken nahm von Minute zu Minute zu. Anmuthig und stolz lagen die schönen Söhne von Hellas darin; die Soldaten in blauem, mit Silber gesticktem Spencer, engem rothen Gürtel, faltenreicher Fustanelle, gestickten blauen Gamaschen und rothen Schuhen. Die Züge der Griechen sind edel, ihr Haupt ruht frei auf dem stolzen Nacken, und ihr schöner Bau wird durch die Tracht hervorgehoben.

Nachdem ein Boot von unserm Schiffe zu dem Consul gesendet worden war, entfaltete sich plötzlich über einem Gebäude am Meere das geliebte österreichische Banner; bald brachte uns auch ein griechisches Boot die pratica, und gleich darauf kehrte das Unsere mit dem Consul zurück. Es war ein magerer, schmächtiger Italiener, dessen hoher grauer Hut, gleich ihm selbst, gar manche Jahre zählen mochte; spießige graue Haare hingen vom Kopfe herab, die spitze, scharfe Nase reichte fast bis ans Kinn; von der Zahl seiner Zähne mag die Vergangenheit erzählen; um den langen, vorgebeugten Hals schlang sich eine weiße, schnupftuchähnliche Cravatte, und den dürren Leib umhüllte ein dunkelgrüner Diplomatenfrack, dessen lange Schöße die Wichtigkeit seines Postens versinnlichten; bei alledem erfuhren wir, daß er gegen die Oesterreicher sehr freundlich ist, und ihnen allerlei Festlichkeiten zu geben pflegt. Wir luden ihn zum Frühstück ein, während dessen er erzählte, daß er Officier in der österreichischen Armee war, unter Haynau und Radetzky gedient habe, später am Kampfe unter Ibrahim Pascha betheiligt gewesen, dann nach Nubien gereist, und zuletzt als Consul nach Patras gekommen sei, wo er nun schon seit 18 Jahren weilt. Wenn er ins lebhafte Gespräch kam, konnte man ihn für einen italienischen Improvisator halten. In der letzten Zeit hatte er Gelegenheit seine diplomatische Geschicklichkeit zu zeigen; eine Menge italienischer und ungarischer Flüchtlinge hatten sich nach Patras gezogen, ihn anfangs mit geringer Achtung behandelt, aber später mit Bittschriften an seine Regierung bestürmt, – um in die Heimath zurückkehren zu dürfen. – Zwei unserer Herren begleiteten ihn bald nach dem Frühstück in seine Barke; wie beneideten wir sie, die so bald das gelobte Land betreten durften, während wir, bei diesem herrlichen Tage, bis Nachmittag warten mußten; die Herren versprachen uns bald abzuholen und uns von den herrlichen, in griechischer Sonne gekochten Trauben und Feigen mitzubringen. Professor G. brachte die Zeit auf dem Räderkasten zu, mit der Zeichnung des Golfpanorama's beschäftigt, das denn auch, wie alles, was er zeichnet, vortrefflich glückte. Wir andern sprachen über zukünftige Reisepläne, ergötzten uns an dem immerwechselnden Schauspiele der Natur, an den kommenden und gehenden Barken und ergänzten unsere Tagebücher; ein Schifflein voll Musikanten umschwirrte mit lieblichen Gesängen unser Schiff; dennoch dünkte uns die Zeit lange, ehe wir das Boot des Consuls erblickten; den beiden Herren merkte man es an ihren muntern Gesichtern und ihrer lebhaften Beschreibung an, wie befriedigt sie von ihrem Ausfluge waren. Wir wurden leider noch einige Zeit durch einen Unternehmer, den der Consul mitgebracht hatte und mit dem wir einen Contract wegen unserer Landreise nach Korinth und Nauplia abschließen mußten, auf dem Schiffe zurück gehalten. Um halb zwei Uhr wurden wir endlich flott und alles was Hände und Füße hatte sprang in die Boote des Vulkans. Jauchzend schaukelten wir zwischen malerischen Kauffahrern dem Lande zu; Wonne durchzuckte mich, als ich zum ersten Male den Fuß auf hellenische Erde setzte. Acht Tage waren es erst, daß ich von Freude berauscht und lachend vom alten Freunde, dem Stephansthurm, Abschied genommen hatte, und nun stand ich schon, durch den Dampf, die Triebkraft der Neuzeit, befördert, auf dem im voraus geliebten Boden der Vergangenheit; die Schnelligkeit des Ueberganges wirkte zauberisch. Da standen wir plötzlich auf einem Platze von Patras, umringt von Bildern, deren Beschreibungen nur schwache Schatten wieder geben können. Da saß eine Gruppe reicher Griechen mit blendender Fustanelle oder faltigen dunkelblauen Beinkleidern, am Eingange eines Kaffeehauses ihre langen Pfeifen schmauchend; daneben standen andere und spielten mit ihren rosenkranzartigen Kugelschnüren, welche die immerbewegte Hand des echten Hellenen nie verlassen. Dort trieb der Sohn der Berge, in farblose Fetzen gehüllt, einen Zug von Pferden und Eseln, die die süßen Trauben, seinen einzigen Erwerb, in Körben und Säcken von den höhern Weinbergen herab tragen; hier feilschte ein Trupp lustiger Bursche im Sonntagsstaat um die auf der Erde aufgehäuften Früchte des Landes; dort wogte eine Gruppe schreiender Kinder um einen greisen Popen mit wallendem Barte; weiterhin durchkreuzte ein Trupp fröhlicher Soldaten mit gleichem Schritt und Tritt die Menge. Diese Bilder wurden von den verschiedenartigsten Gebäuden umrahmt; einige zeichneten sich durch netten Bau und reinere Farbe aus; sie gehörten den reichen Kaufleuten, die hinter den grünen Jalousien in den heißen Stunden der Siesta pflegten; andere waren von Holz in verfallenem Zustande; unter den Häusern liefen, von hölzernen Säulen gestützte Gallerien, wo sich Buden im farbenreichsten Durcheinander befanden, in denen man die den Sitten des Landes angemessenen Gegenstände verkaufte. Das Interessanteste waren alte Waffen, und typische auf Holz gemalte Heiligenbilder, von denen ich mir eins kaufte. Die Gassen sind ziemlich breit, laufen über Berg und Thal, und bieten dem civilisirten Fuß sehr unbequeme Steinparthieen, auf welchen sprudelnde Quellen kleine Wasserfälle bilden; hin und wieder stößt man auf einen Platz, in dessen Mitte sich gewöhnlich einige Bäume mit einem echt orientalischen Brunnen befinden, an welchem die Weiber mit ihren irdenen Krügen, alttestamentlich lagern; zwei dieser Plätze tragen die Namen des Königspaares. Auf meinen Wunsch schritten wir einem Garten zu, der auf einer Anhöhe lag; auf unebnem Wege, an niedrigen Hütten vorbei, welche aus morschem Gebälk aber von Weinreben umschlungen waren, schritten wir der Höhe zu. Als wir sie erreicht hatten, wurden wir durch die zauberhafteste Aussicht auf den Golf überrascht. Zu unsern Füßen lag die Stadt, dann die Schiffe auf einem Spiegel, umkränzt von den grünen Bergketten des Parnaß.

Wir standen auf einer terrassenartigen Fläche, unter welcher sich tiefe, vor grauen Zeiten erbaute Gewölbe in den Berg hineinziehen sollen, die den Schakalen zur Wohnung dienen; eine Gruppe mächtiger Feigenbäume war von Kürbissen umrankt; auf die Erde waren Weinbeeren gestreut, welche die Sonne zu jenen süßen Rosinen austrocknete, die in den nordischen Gebäcken eine so wichtige Rolle spielen; so muß in den verschiedensten Himmelsgegenden wachsen und gedeihen was den Gaumen kitzelt, und man schlingt den Bissen hinunter, ohne an dessen Geschichte und weite Reisen zu denken. Hier behandelt man die Rosinen nicht mit so viel Achtung wie in unsern Küchen: sie werden haufenweise, mit dem Staube der Erde vermengt, in weite schmutzige Körbe geworfen, dann dem hier so häufigen Langohr auf den Rücken gepackt, der, unter der schweren Last ächzend, sie nach der Rhede bringt, wo sie mit den Füßen in Tonnen eng verstampft und nach dem Westen eingeschifft werden. Der erwünschte Garten war mit einer Mauer umschlossen, durch deren gewölbte Thüre wir eintraten; wir standen in einem Saal von Weinreben, der durch die herrlichsten, schattigsten Gänge durchschnitten war. Steinerne Säulen stützten die sich emporschlingenden Ranken, leichte hölzerne Stangen bildeten das Gerippe zum dichtesten Rebendache, durch das nur hin und wieder der tief blaue Himmel freundlich durchblinkte. Tausende von Trauben hingen lockend von der leichten Wölbung herab, von einer Größe, wie sie nur die Mythe beschreibt. Die Säulen des Blätterdoms stützten sich auf niedrige Mauern, welche auf einer Seite in einem Gartenhäuschen endigten. Der Boden des breiten schattigen Platzes vor diesem war mit großen Marmortafeln gepflastert, und auf einer denselben umgebenden Steinbank ruhten zwei Gärtner, in malerischer Stellung auf weiche Felle hingestreckt; um die Idylle zu vollenden, stand ein tiefer klarer Brunnen in der Mitte, in dem sich das Grün des Laubdaches und die Bläue des Himmels wiederspiegelten; am Rande desselben kosten zwei weiße Tauben. Auf der Erde lagen blaue Früchte, die wir für Pflaumen hielten; es waren aber die herabgefallenen Beeren der fabelhaft großen Trauben, die wir mit Lust verzehrten. Wir durchschritten nun die einzelnen Laubgänge, mit denen sich üppige Orangenhaine kreuzten; leider waren die Früchte, mit denen diese prachtvollen Bäume überladen waren, noch nicht reif. Pflanzen, die man bei uns verkrüppelt im warmen Glashause findet, wuchern hier in malerischer Abwechslung; auch die Art der Anpflanzung ist in einem genialen Durcheinander gehalten; man glaubt im Paradiese zu wandeln; eine solche Vegetation hatte ich noch nie gesehen, solche Früchte noch nie gekostet. Der Reiz dieses üppigen Gartens ward durch den Blick auf das Meer noch erhöht; der Konsul war über unser Entzücken hoch erfreut und stimmte in dasselbe ein. Wie selten mag er in den achtzehn Jahren mitfühlenden Reisenden die Wunder dieser Gegend gezeigt haben! War er doch wieder einmal unter seines Gleichen, unter civilisirten Menschen. Endlich kehrten wir durch belebte Straßen zurück und machten der Gemalin des Konsuls einen Besuch im österreichischen Konsulats-Gebäude; sie ist eine recht artige zierliche Venetianerin in mittleren Jahren, und spricht gut und gern französisch. Man brachte uns in ihren etwas vernachläßigten Salon Gürtel aus Silber und Gold gestickt, in denen das Volk die Waffen trägt, da ich einen solchen zu kaufen wünschte. Nachdem uns die Frau vom Hause zum Abend eingeladen hatte, nahmen wir den Konsul in einer Barke des Vulkans zum Speisen mit auf das Schiff. Wir waren in unserem großen Räderkasten wie die Häringe eingepreßt, was die ohnehin starke Hitze noch vermehrte. Nach Tische führte uns der gute alte Herr zu einer Musik, die auf dem Vorraume des oben erwähnten Gartens von der Bande eines irregulären griechischen Infanteriebataillons ausgeführt werden sollte, und der die Bevölkerung der ganzen Stadt in reichem Kostüme beizuwohnen pflegte; wir unterschieden schon vom Schiff aus die weißen Fustanellen und hörten die Töne zu uns herüber rauschen. Die Siesta war vorüber; schöne Frauen mit reichem Haarwuchs und malerischer Kleidung zeigten sich im Vorübergehen auf den Balkonen – auch in den Straßen begegneten wir den reizendsten Patraserinnen, die am Arme imposanter und edelgestalteter Männer leider schon den Rückweg einschlugen; wir schritten rasch vorwärts und fanden doch noch einen ziemlich bedeutenden Kreis um das Musik-Corps versammelt, das eben nicht spielte und sehr armselig ausgestattet war. Der Anblick des Volkes, unter dem kein Klassenunterschied wahrzunehmen ist, war interessant. Alle sind Brüder eines Stammes, welche früher unter demselben Joche geschmachtet und es vereint abgeschüttelt haben. Die Theilung von Leid und Freud begründet die Gleichheit. Ueberall wo ein Volk von einem andern unterjocht wird, findet sich diese Gleichheit der Zusammengehörigen, wenigstens in der Gesinnung gegen die Unterdrücker. Alles strebt einem Ziele der Befreiung zu und vergißt sein eignes Ich. Die einzige etwas höhere Stellung nehmen jene Familien im Lande ein, deren Väter mit besonderer Auszeichnung im Freiheitskriege gekämpft haben. Nach unserer Ankunft spielte die Musik noch ein Stück, worauf alles seiner Wege ging. Die Sonne war hinter den äußersten Spitzen von Rumelien verschwunden, und die Abenddämmerung dauerte kaum eine Viertelstunde; wir erreichten also gerade vor der tiefen Nacht das Haus des Konsuls. Seine Gemalin empfing uns im Kreise ihrer Kinder; man unterhielt sich, so gut man konnte; etwas später kam der Klavierlehrer des Hauses mit seiner reizenden jungen Gattin in der Nationaltracht. Die Konsulin hatte sie wahrscheinlich eingeladen, um uns einen Begriff von den schönen Töchtern Griechenlands zu geben. Leider sprach dieses liebliche Wesen, das an meiner Seite Platz nahm, nur seine Muttersprache; der Gemal spielte mit gutem Vortrage einige bei uns schon veraltete Melodien; später löste ihn die eilfjährige Tochter des Hauses in ziemlicher Selbstzufriedenheit mit einem eingewerkelten Stückchen ab. Die Produktionen der enfants prématurés sind mir von jeher zuwider gewesen, zumal wenn man der Mutter wegen eine entzückte Miene annehmen muß. Nach und nach füllte sich das Zimmer mit den Honoratioren der Seestadt; unter ihnen war der französische Konsul, den man seinem Aeußern nach eher für einen Lastträger hätte halten können; man trank Thee, das Vereinigungsmittel aller Geselligkeit im neunzehnten Jahrhundert; außerdem wurde ein gräßliches nationales Getränk aus zerquetschten Kürbiskernen herumgegeben; der Hausherr bot den Herren lange Pfeifen an, und zum Schluß führten die Damen und die Kinder, nach langem Bitten, einen griechischen National-Reigen auf, der einen einförmigen düstern Charakter hatte. Wir dankten den Hauswirthen herzlich und fuhren bei herrlicher Sternennacht auf unseren Vulkan zurück.

Eine Landreise durch Griechenland.