Was du im Theater und an ähnlichen Orten empfindest, wo sich deinem Auge ein und dasselbe Schauspiel immer wieder darbietet bis zum Ekel, das hast du im Leben eigentlich fortwährend zu leiden. Denn alles, was geschieht, von welcher Seite es auch kommen mag, ist doch immer dasselbe. Wie lange wird´s nur noch dauern?
47
Stelle dir beständig die Gestorbenen jeden Standes, jeder Berufsart und jeden Stammes vor, steige in dieser Reihe bis zu einem Philistion, einem Phöbus und Origanion hinunter! Dann gehe zu den anderen Klassen über! Auch wir müssen ja unsere Wohnung dorthin verlegen, wo so viele gewaltige Redner, so viele ehrwürdige Philosophen, wie Heraklit, Pythagoras und Sokrates, ferner so viele Helden der Vorzeit, so viele Heerführer und Gewaltherrscher späterer Tage und außer diesen Eudorus, Hipparch, Archimedes und andere scharfsinnige, hochherzige, arbeitslustige, gewandte, selbstgefällige Geister, ja selbst jene spöttischen Verächter des hinfälligen kurzdauernden Menschenlebens, wie ein Menippus und so viele andere seiner Art verweilen. Von diesen allen stelle dir vor, daß sie längst beigesetzt sind. Was liegt nun für sie Furchtbares darin? Was denn für jene, deren Namen überhaupt nicht mehr genannt werden? Da ist eines nur von hohem Wert, nämlich Wahrheit und Gerechtigkeit getreu durchs ganze Leben zu üben, auch im Kampf gegen Lügner und Ungerechte.
48
Willst du dir eine Freude bereiten, so richte deinen Blick auf die trefflichen Eigenschaften deiner Zeitgenossen und siehe, wie der eine ein so hohes Maß von Tatkraft, der andere von Bescheidenheit besitzt, wie freigebig der dritte ist usf. Denn nichts ist so erquicklich als das Bild von Tugenden, die sich in den Sitten der mit uns Lebenden offenbaren und reichlich unserm Blick sich darbieten. Darum halte es dir nun auch beständig vor Augen!
49
Ärgert´s dich, daß du nur so viel Pfund wiegst und nicht mehr? So sei auch nicht ärgerlich darüber, daß dir nicht länger zu leben bestimmt ist. Denn wie jeder zufrieden ist mit seinem Körpergewicht, so sollten wir alle auch zufrieden sein mit der uns zugemessenen Lebensdauer.
50
Komm, wir wollen versuchen sie zu überreden! Handle aber auch gegen ihren Willen, wenn es Gerechtigkeit und Vernunft gebieten. Hindern sie uns mit Gewalt, so benutzen wir dieses Hemmnis zur Übung in einer andern Tugend, im Gleichmut und in der Seelenruhe. Denn alles, was wir erstreben, erstreben wir ja nur unter gewissen Voraussetzungen. Halten diese nicht Stich — wer wird das Unmögliche wollen? Nur daß unser Streben ein edles war! Denn ein solches trägt seinen Lohn in sich selbst — wie alles, was wir tun, wenn wir unserer innersten Natur gehorchen.
51