52

Mag jemand immerhin kampfgeübter sein als du! Er sei nur nicht menschenfreundlicher, nicht anspruchsloser, nicht ergebener in das Schicksal, nicht nachsichtsvoller den Fehlern der Nebenmenschen gegenüber.

53

Bei einer Wirksamkeit, die sich nach göttlichem und menschlichem Gesetz vollzieht, ist niemals Gefahr. Nichts hast du zu befürchten, sobald deine Tätigkeit, ihr Ziel in aller Ruhe verfolgend, sich nur auf eine deiner Bildung angemessene Art entfaltet.

54

Immer steht es bei dir, das gegenwärtige Geschick zu segnen, mit denen, die dir grade nahe stehen, nach Recht und Billigkeit zu verfahren, und die Gedanken, die sich dir eben darbieten, ruhig durchzudenken, ohne dich an das Unbegreifliche zu kehren.

55

Sieh dich nicht nach den leitenden Grundsätzen anderer um, sondern halte den Blick auf das Ziel gerichtet, worauf dich die Natur hinweist, sowohl die Allnatur durch das Schicksal als deine eigene durch deine Pflichten. Jeder aber hat die Folgen seiner Natur zu tragen. Nun sind aber die übrigen Wesen wegen der Vernünftigen geschaffen, wie überhaupt alles weniger Edle für das Edlere. Die Vernunftwesen aber sind eines um des anderen willen da. Der erste Trieb des Menschen ist sein Trieb zur Geselligkeit, das zweite in ihm die Überlegenheit gegenüber sinnlichen Reizen. Denn vernünftiger und verständiger Tatkraft ist es eigen, sich selbst zu beschränken und weder den Anforderungen der Sinne noch der Triebe je zu unterliegen. Beide sind tierisch. Die Vernunft will aber den Vorrang haben und sich nicht von jenen meistern lassen und das mit Recht. Denn sie ist von Natur dazu da, sich jener überall zu ihren Zwecken zu bedienen. Der dritte Vorzug in der Einrichtung eines vernünftigen Wesens besteht darin, nicht blindlings beizupflichten, noch sich täuschen zu lassen. Mit diesen Vorzügen ausgestattet, gehe die herrschende Vernunft vorwärts. Und sie hat, was ihr gebührt.

56

Lebe so, als solltest du jetzt scheiden und als wäre die dir noch vergönnte Zeit ein überflüssiges Geschenk.